Kinder erklären Kunst

Kalle über das »Bildnis der Tänzerin Anita Berber» von Otto Dix

Kalle, 5, kennt sich mit Falten aus und glaubt, dass die Dame ihren Text vergessen hat. Unser Kunstexperte, der gerne mit mehr Farben malt, als nur Rot, vermutet, dass Erwachsenentheater nicht so witzig ist wie das Kasperletheater.
Kalle über das »Bildnis der Tänzerin Anita Berber» von Otto Dix

Kalle mit einer Reproduktion von Otto Dix: "Bildnis der Tänzerin Anita Berber", 1925

Alles ist rot! Die Haare, die Lippen, das Kleid und auch die ganze Wand! Also, ich nehme mehr Farben, wenn ich male. Nur das Gesicht hat Gesichtsfarbe. Das Nasenloch ist auch rot. Vielleicht hat die Frau Nasenbluten. Das kann ganz schnell passieren. Ich hatte mal bei H&M Nasenbluten, da mussten wir dann ganz schnell raus aus dem Laden, aber das war okay, denn ich kaufe nicht so gerne Klamotten.

Die Frau steht ganz unbequem da. Ich könnte nicht lange so stehen – und ich bin viel jünger als sie! Aber alt ist sie auch nicht, denn sie hat gar keine Riffel im Gesicht. Alte Leute haben immer Riffel im Gesicht und am Hals und an den Händen. Meine Großeltern haben alle ganz viele Riffel: Opa Edi und Oma Boppi in Bayern und Oma Helena und Opa Peter in Hamburg auch. Meine Eltern haben noch nicht so viele Riffel, und ich und meine kleine Schwester, wir haben gar keine! Riffel sind nicht so toll, sagen meine Omas.

Philipp über Max Ernsts »Die Barbaren«
Bei Vögeln kennt sich Philipp, 5, aus – Flamingos kennt er sogar aus der Nähe. Deshalb hat er auch keine Angst vor Vogelmonstern – und hat den Verdacht, dass sich da in Wahrheit nur zwei Männer verkleidet haben

Die Frau auf dem Bild hat ganz komische kurvige Augenbrauen. Solche habe ich noch nie gesehen. Sie sehen aus wie aufgemalt. Vielleicht hat sich die Frau verkleidet, weil sie im Theater arbeitet – auf der Bühne. Aber wie Kindertheater sieht das nicht aus. Dafür guckt sie zu besorgt. Kindertheater ist lustig. Das ist eher Erwachsenentheater, glaube ich. Vielleicht soll sie etwas Trauriges spielen. Vielleicht soll sie auf Kommando weinen – das geht! Vielleicht hat sie aber auch gerade ihren Text vergessen und weiß nicht, was sie machen soll. Wenn eine Schauspielerin ihren Text vergisst, geht das Stück nicht weiter, und das ist doof für die Zuschauer. Aber zum Glück gibt es im Theater einen versteckten Mann im Souffleurkasten, der den Schauspielern den richtigen Text zuflüstern kann. Aber wahrscheinlich hat der Mann im Kasten hier noch nicht gemerkt, dass die Frau den Text vergessen hat. Deswegen guckt sie so böse. Sie wartet, dass ihr der Text gesagt wird. Aber es passiert nichts! Sie steht da ganz unbequem, und die Zuschauer werden langsam böse. Im Kasperletheater darf man rufen, wenn der Kasper seinen Text nicht weiß. Das ist lustig, denn der Kasper antwortet dann auch. Im Erwachsenentheater ist das bestimmt anders. Da darf man bestimmt nicht so laut sein. Vielleicht sollte die Frau aufhören, böse zu gucken, und dem Mann im Souffleurkasten ein Zeichen geben. Dann würde das Stück auch endlich weitergehen.

Otto Dix: "Bildnis der Tänzerin Anita Berber", 1925

Otto Dix ist einer der bedeutendsten deutschen Maler und Grafiker des 20. Jahrhunderts, bekannt ist er vor allem für seine schonungslosen und harschen Darstellungen der Brutalitäten des Krieges und der Gesellschaft der Weimarer Republik. Zwar wird Dix der Kunstströmung "Neue Sachlichkeit" zugerechnet, so sind seine Porträts aber vor allem geprägt durch Überzeichnung und karikaturhafter Dekadenz. Dix, als exzellenter Zeichner, oft als zurückgezogen und schrullig beschrieben, verbirgt in seinen Bildern eine gewisse Schalkhaftigkeit, die auch seine eigene Person kennzeichnete. Interessiert ist er daran die Menschen in einem entfesselten Zustand zu zeigen, den Menschen so zu erleben, wie er auch wirklich ist - ungehemmt - das hat Dix inspiriert. Das gilt auch für seine Darstellungen von ausgelassenen Feiern der goldenen Zwanziger.

Die Tänzerin Anita Berber malte er 1925 vor rotem Hintergrund in einem ebenso roten, eng anliegenden und hochgeschlossenen Seidenkleid mit langen Ärmeln, roten Haaren und roten Lippen. Vom Leben gezeichnet, eingefallen und exaltiert hält Dix sie auf seinem Porträt fest. Harte Gesichtszüge, weiß gepudert, eine grelle Erscheinung mit weit geöffneten Augen und geistesabwesendem Blick: die Verzerrung einer Frau, vielleicht auch das Sinnbild einer Epoche der Verkommenheit. Das Kunstmuseum Stuttgart hat eine bedeutende Sammlung des deutschen Malers, dort findet sich auch das "Bildnis der Tänzerin Anita Berger".

Kinder erklären Kunst
Die ganz Kleinen interpretieren die ganz großen Klassiker der Kunstgeschichte ... und die Kinder sind immer für eine Überraschung gut.