Kinder erklären Kunst

Lilith über Paul Gauguins "Barbarische Erzählungen"

Im Wald nur mit Unterhose zu sitzen, findet Lilith (6) äußerst komisch. Unsere Kunstexpertin kann nämlich schwimmen und kennt die Dresscodes zu Land und zu Wasser ganz genau. Die jungen Damen warnt sie außerdem vor dem bösen Mann, der nicht so aussieht, als würde er gerne baden gehen.
Lilith über Paul Gauguins "Barbarische Erzählungen"

Lilith mit einer Reproduktion von Paul Gauguin: "Barbarische Erzählungen", 1902

Auf dem Bild sitzen zwei Mädchen und ein Mann in einem Wald. Der Mann und eins von den Mädchen haben rote Haare. Ich mag rote Haare. In meiner Kita ist auch ein Junge mit ganz roten Haaren und ganz hellblauen Augen, er heißt Toke und ist ein bisschen jünger als ich. Das Mädchen in der Mitte hat schwarze Haare und tolle Ohrringe. Die sehen aus wie Kirschen oder minikleine Paprikas. Die andere Frau hat weiße Blumen im Haar, bestimmt Gänseblümchen, denn aus denen kann man Kränze machen.

Mir fällt grad auf, dass die Mädchen ja nur Unterhosen anhaben! Komisch. Das macht man ja eigentlich nicht im Wald, sondern nur am Strand oder im Freibad, und dann hat man zumindest eine Bikinihose an und keine Unterwäsche. Also mir wäre das unangenehm.

Lilith über Paul Gauguins "Barbarische Erzählungen"

Paul Gauguin: "Barbarische Erzählungen", 1902

Mein Bikini hat dunkle Äpfelchen drauf, den finde ich schön. Da auf dem Bild ist aber gar kein Strand. Obwohl ... da unten in der Ecke, da ist so ein anderes Blau – das könnte ein See sein. Na ja, vielleicht ist das dann ein Waldsee, in dem die gleich schwimmen wollen.

Ich kann schon schwimmen! Das hat mir meine Oma beigebracht, die war nämlich mal Schwimmlehrerin an einer Schule. Vielleicht waren die Frauen auch schon schwimmen, sie haben nämlich ganz blaue Lippen. Das ist ein Zeichen dafür, dass ihnen kalt ist. Wenn man blaue Lippen kriegt, muss man raus aus dem Wasser, sich abtrocknen und aufwärmen. Sonst erkältet man sich, und das ist doof, denn dann kann Mama nicht arbeiten.

Der Mann sieht nicht so aus, als ob er gern baden würde. Er ist total angezogen und hat sogar einen Hut auf. Irgendwie sieht der Mann überhaupt nicht nett aus, eher wie ein Monster. Seine Augen sehen aus wie Teufelsaugen, und er hat auch so ein komisches Teufelshorn, und an seinem Fuß sind sogar richtige Krallen! Vielleicht überlegt er grade, wie er die Mädchen fangen kann.

Nana über Bruegels "Turmbau zu Babel"
Bei diesem Bauwerk fehlt aber noch so einiges. Das findet die kleine Kunstexpertin Nana (6), die sich mit Schlössern besonders auskennt. Den König warnt sie vor bösen Piraten - aber zum Glück hat der ja Kanonen

Das machen die Jungs in der Kita auch gern. Wenn wir fangen spielen, dann fange ich die anderen! Dann ticke ich sie, und dann sind sie dran. Im Dunkeln sollte man aber nicht draußen fangen spielen. Hier auf dem Bild ist, glaube ich, schon Abend. Der Himmel ist jedenfalls schon dunkelblau. Da ist auch Rauch zu sehen, der aus dem Wald kommt. Entweder brennt es da, oder es wird schon gelöscht. Hoffentlich wird schon gelöscht, damit die Mädchen gut nach Hause kommen. Der Mann kann ruhig da bleiben.

 

Paul Gauguin: "Barbarische Erzählungen", 1902

Paul Gauguin (1848-1903) leistete als Maler, Bildhauer und Grafiker einen grundlegenden Beitrag zur Kunst des 20. Jahrhunderts. 1891 wanderte der Franzose von Paris nach Haiti aus, wo er eine Vielzahl von Bildern malte, die eine exotische Welt zeigten. Mit Farbintensität und Harmonie stellte er das verloren geglaubte Paradies dar.

Das 1902 entstandende Gemälde zählt zu den geheimnisvollsten Werken, hier sollten sich Gegenwart und Vergangenheit begegnen. Zu dieser Zeit selbst schwer erkrankt und von einer Todessehnsucht geprägt, bringt Gauguin ein Bildnis seines verstorbenen Künstlerfreundes Jacob Meyer de Haan in das Bild ein. Zu ihm gesellen sich die jungen, vitalen Polynesierinnen, während die Früchte eine Opfergabe und die Lilien die gleichzeitige Verkündigung von Leben und Tod symbolisieren. Das Gemälde hängt heute im Museum Folkwang in Essen.