Katie Paterson - Starter

Vermessung des Himmels

Junge Kunst mit Auftrieb: Sie legen überraschende Auftritte bei internationalen Ausstellungen hin, erobern den öffentlichen Raum, bringen es zu Klickrekorden im Internet oder träumen noch vom ganz großen Durchbruch. Die besten Nachwuchs­künstler – jetzt jede Woche in der Reihe "Starter". Nach Matthew Davis geht es weiter mit Katie Paterson. Kunst für Sternengucker: Katie Paterson zeigt Sonnen, die längst verglüht sind, und große Explosionen als kleine Konfetti.
Mit Auftrieb:art stellt junge Künstler vor

Besucher ihrer Ausstellung in London konnten ein Mobiltelefon anrufen, welches Katie Paterson zuvor im Schmelzwassersee eines isländischen Gletschers versenkt hatte, und so dem Rauschen des Wassers lauschen. "Vatnajökull (the sound of)", 2007/08

Das Universum ist ein dunkler Ort: Zu 96 Prozent besteht es aus dunkler Materie und Energie. Nur vier Prozent sind Atome, wie wir sie von unserer Welt kennen. Unter dem Titel "History of Darkness" sammelt Katie Paterson schwarze Dias, auf denen nichts zu sehen ist.

"Es ist ein Archiv mit Bildern der Dunkelheit aus verschiedenen Zeiträumen unseres Universums", sagt die Künstlerin mit leicht schottischem Akzent. Bis jetzt 2000 Dias, die Milliarden Jahre zurückreichen. Auf jedem hat sie handschriftlich die Entfernung in Lichtjahren von der Erde notiert. Man könnte Paterson für schwermütig halten – hätte sie nicht mit ihrer Konfetti-Kanone gezeigt, dass sie nicht davor zurückschreckt, komplexes astronomisches Wissen in heiterster Form zu präsentieren. Sie produzierte kleine Patronen voll mit jeweils 3216 Konfetti, deren Farben genau denen der 3216 seit 1967 beobachten Gammaexplosionen entsprachen, den hellsten Phänomenen im Universum – heller als 100 Milliarden Sonnen, so auch der Titel "100 Billion Suns". Während der Eröffnung der Venedig-Biennale 2011 ließ sie die Kanone an den verschiedensten Orten in der Stadt abfeuern.

"Die Distanz von Raum und Zeit zum Kollaps zu bringen", so beschreibt sie ihre Arbeit, die sie an eher ungewöhnliche Orte führte. Das akademische Jahr 2010 verbrachte sie als "Artist-in-Residence" bei den Astronomen und Astrophysikern des Londoner University College. Nach dem Studium verbrachte sie ein Jahr in Island – das ist nicht die einzige Parallele zu Olafur Eliasson, denn Paterson paart eine ähnliche naturwissenschaftliche Neugier mit dem Willen zur ästhetischen Form: Für ihr Diplom versenkte sie ein Handy im Schmelzwassersee eines isländischen Gletschers, so dass Besucher aus London dort anrufen und die Geräusche des Wassers hören konnten. Mit den Astronomen sammelte sie die Daten aller 27 000 bekannten toten Sterne, deren Licht wir noch sehen, die aber längst verglüht sind. Die Karte ließ sie in eloxiertes Aluminium ätzen: Auf einem schwarzen Grund leuchten silberne Punkte.

Steckbrief

Geboren: Glasgow, 1981


Wohnort: Berlin


Ausbildung: Edinburgh College of Art, Slade School of Fine Art, London


Galerie: Haunch of Venison, London; James Cohan, New York


Initialzündung: Island, 24 Stunden Tag, der Sonne beim ständigen Auf- und Untergehen zusehen, dabei schmelzen die Gletscher.


Höhepunkt: An den Rand des Universums zu sehen, vom Gipfel des Mauna Kea aus dem W. M. Keck Observatorium.


Tiefpunkt: Nicht scharf zu sehen.


Helden: Yoko Ono, David Bowie, Dalai Lama, Albert Einstein


Credo: "Wissen ist begrenzt, Phantasie aber umfasst die ganze Welt." (Albert Einstein)


Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: "Haben sinnlose Dinge nicht einen Platz in dieser unperfekten Welt? Wenn man alles Sinnlose aus einem unperfekten Leben entfernt, würde es sogar seine Fehler verlieren." Haruki Murakami


Warum Künstlerin, nicht Bankerin? Ich glaube, bei der Sache habe ich keine Wahl.

Katie Paterson

Kommende Ausstellung "Focus: Katie Paterson", Modern Art Museum, Fort Worth, Texas, 4. März bis 15. April
http://www.katiepaterson.org/

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