Marc Bauer - Starter

Mit der Zeichnung dem Zeitgeist auf der Spur

art stellt in der Serie "Starter" junge Künstler vor. Diesmal: Marc Bauer, der aus Bildern, Erinnerungen und Assoziationen Geschichten baut.
Jetzt gibt's nicht!:Die Bilder von Marc Bauer

Frei nach Albrecht Dürer: Marc Bauers Wandteppich "Melancholia I", 2013, 375 x 300 cm

"Ich mag mittelalterliche Tapisserien, sie sind in gewisser Weise wie Zeichnungen", sagt Marc Bauer.

"Wenn wir eine Zeichnung anschauen, empfinden wir unbewusst meistens ein Gefühl von Dauer. Wir brauchen Zeit, um in sie hineinzufinden. Das ist bei einer Tapisserie nicht viel anders." Der Künstler hat sich als einer der besten Zeichner seiner Generation einen Namen gemacht und eine seiner Zeichnungen als Tapisserie weben lassen: "Melancholia I" nimmt sich den bekannten Druck Albrecht Dürers zum Vorbild und übersetzt ihn in eine zeitgenössische Komposition. "Der Engel hat einen seltsamen Gesichtsausdruck, er wirkt gelangweilt, aber es ist nicht zu erkennen worüber. Das ist sehr zeitgenössisch", erklärt Marc Bauer seine Faszination. Bei der Übertragung in eine Tapisserie liess er das Bild in den Hintergrund treten, löste es etwas auf, sodass wir uns erinnern müssen, was auf Dürers "Melancholia" überhaupt zu sehen ist, und dabei bemerken, dass wir es nicht wirklich wissen.

Beides, der Rückgriff auf vorhandenes Bildmaterial und die Herausforderung unserer Erinnerung, sind typisch für Marc Bauers Werk. Der 1975 in Genf geborene Künstler zählt zur Generation, die mit zahllosen Bildmedien aufgewachsen ist und von früh an lernen musste, Bilder auszuwählen und zu ertragen, dass sie sich zu einer Mélange verbinden. Als Zeichner ist er den Brüchen und Verschiebungen auf der Spur, die sich dabei unmerklich ergeben. Nicht zuletzt deshalb fühlt er sich seit ein paar Jahren in Berlin wohl, wo die Wunden der Geschichte noch nicht so perfekt wegretuschiert sind wie andernorts.

Bauer baut aus Bildern, Erinnerungen und Assoziationen Geschichten. Die einzelne Zeichnung steht für sich, sie will aber meistens weiter, verweist auf ein Davor und Danach. Das zeigt sich bereits in ihrer Machart. "Ich habe schon als Kind gezeichnet", sagt er. Studiert hat er das Medium an der Akademie nicht. Das gibt ihm Beweglichkeit zu experimentieren. "Jede Arbeit erfordert eine spezifische Technik. Ich muss sie stets erst herausfinden. Das macht das Zeichnen spannend für mich." Der klassische präzise Strich gehört ebenso zu seinem Repertoire wie die Auflösung der Kontur und der extensive Einsatz des Radiergummis, der Szenen etwas Malerisches gibt und sie in Schwebe bringt.

Da ist schon früh die Nähe zum Film spürbar. Letztes Jahr hat Marc Bauer auch den halbstündigen Animationsfilm "The Architect" gezeichnet. Vorhandene Blätter wurden mit über 700 neuen verbunden. Erzählt wird die Geschichte eines Jungen, der in den zwanziger Jahren in Berlin Friedrich Wilhelm Murnaus Filmklassiker "Nosferatu" sieht und im Schrecken darüber seine Zukunft phantasiert: die deutsche Geschichte auf dem Weg in Holocaust und Zweiten Weltkrieg. Eindrücklicher kann man subjektives Empfinden und Zeitgeschichte kaum miteinander verbinden.

Steckbrief

Geboren: Genf, 1975.

Wohnort: Berlin.

Ausbildung: 1995-1999 Ecole Supérieure d'Art Visuel Geneva; 2002-2004 Rijksakademie van beeldende kunsten, Amsterdam.

Galerie: Freymond-Guth Ltd. Fine Arts.

Initialzündung: Wenn mich etwas berührt, auch etwas ganz Banales.

Höhepunkt: Von einem fertigen Bild total begeistert zu sein.

Tiefpunkt: Die Nerven zu verlieren, wenn ein Bild hakt und ich nicht weiterkomme.

Helden: Menschen, deren Arbeiten mich berühren, obwohl ich sie nicht kenne.

Credo: Dasselbe wie die Königinnen und Könige der Niederlande: "Je maintiendrai", ich werde bewahren.

Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Irgendwie vertraue ich Ratschlägen nicht.

Warum Künstler, nicht Banker?: Weil es das Aufregendste ist, was man tun und erleben kann.
http://marcbauer.net/