Jesse Wine - Starter

Von Picasso lernen

In der Serie "Starter" stellt art junge Künstler vor. Diesmal: Jesse Wine. Der britische Künstler kombiniert mit seinen ungewöhnlichen Keramikobjekten handwerkliches Geschick und Systemkritik.
Falsches Mamor:art stellt junge Künstler vor

Jesse Wine: "Hey now love", 2012, Glasierte Keramik

Für seine erste Schau bei Limoncello verwandelte Jesse Wine, 30, im vergangenen Jahr den Hauptraum der winzigen Galerie im Souterrain in einen japanischen Zen-Garten, mit blitzsauber geharkter Kiesfläche, auf ihr tönerne Gefäße statt der üblichen Felsblöcke und Zwergbäume, rund um das Rechteck ein hölzerner Steg, von dem aus der Betrachter die Anordnung bewundern konnte.

Ein kühl-elegantes Ensemble, das zum Meditieren einlud. Die hochglasierten Keramiken mit Titeln wie "It’s Right Personal" (2012) oder "Love and Money" (2012), waren gekonnt gefertigt. "Practice of 
the Wild" (2012), das der Schau ihren Titel gab, thronte auf einem Kieshügel und wurde von an Skier erinnernden Speeren durchstoßen. Das Handwerkliche seiner Kunst nimmt der junge Londoner offenbar ernst. Vor Kurzem hat er sich gar einen gebrauchten Brennofen für sein Atelier angeschafft. Dass er auch Humor hat, zeigte er mit einem Gefäß, das er so plazierte, dass es die durch das undichte Glasdach der Galerie sickernden Wassertropfen auffing.

Jesse Wines Kunst kreist um Themen wie Präsentation und Ausstellung. Er fragt sich: Soll der heutige Künstler wie eh und je in seinem Atelier Objekte produzieren, die er dann einem interessierten Spezialpublikum in heiligen Hallen präsentiert? Für eine kleine Schau in der winzigen Galerie Sunday Painter ließ er sich Anfang letzten Jahres von einer Picasso-Ausstellung bei Larry Gagosian anregen, in der dieser Keramik und Malerei des großen Spaniers kombinierte. Er arrangierte seine Plastiken auf einem weißen Holzpodest – etwa einen wabernden Hintern aus falschem Marmor und ein Keramikgefäß, das aus vorgeschichtlicher Zeit zu stammen schien. An der Wand des ganz privat anmutenden Vorführraums hing eine zum Weinen schlechte Kopie des Picasso-Gemäldes "Les pigeons perchés", die Wine in Auftrag gegeben hatte. Man kann als Künstler seine Ware also wohl doch nicht mehr so anbieten wie früher, scheint er zu sagen. Und dass er selbst ganz von heute ist, zeigt auch seine Webseite, wo er mit digitalen Möglichkeiten spielt und die Besucher nach dem Zufallsprinzip auf verschiedenste Wikipedia-Seiten weiterleitet.

Steckbrief Jesse Wine

Geboren: Chester, 1983.


Wohnort: London.


Ausbildung: Camberwell College of Art (BA), Royal College of Art (MA).


Galerie: Limoncello, London.


Initialzündung: Es macht mir gute Laune.


Höhepunkt: Die Schau "Practise of 
the Wild" bei Limoncello.


Tiefpunkt: Geldsorgen und Anfälle von Verwirrung.


Helden: Thierry Henry, Ed Ruscha, 
die Mutter.


Credo: Sage ja.


Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Mach dir keine Sorgen wegen Anerkennung, tu, was du für richtig hältst.


Warum Künstler, nicht Banker?: Weil man als Banker kein Geld verdienen kann.
http://www.jessewine.com/

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