Chen Wei - Starter

Vom Schwamm befallen

In der Serie "Starter" stellt art junge Künstler vor. Diesmal: Chen Wei. Der chinesische Künstler inszeniert mit großer Detailliebe die traumverwunschenen Fantasiekulissen für seine Fotografien.
Kriterien der Malerei:art stellt junge Künstler vor

Newcomer Chen Wei fotografiert fantasievolle Szenerien wie aus einem Traum, inszeniert und an ein Film-Still erinnernd. So auch das Bild "Idol Behind The Curtains", 2009, Tinentenstrahldruck, 100 x 120 cm

Es ist, als würde zentimeterdick der Staub von alten Geschichten und unauflösbaren Mysterien über seinen Bildern liegen. Aber was heißt hier schon Bilder?! Chen Wei baut Szenerien wie ein Set-Designer, um das oft in mehreren Wochen kunstvoll Arrangierte dann in einer einzelnen, an ein Film-Still erinnernden Farbfotografie zu fixieren.

Zu sehen sind verwunschene Orte, die man vielleicht aus wirren Träumen oder Thrillern zu kennen meint. Man blickt in verwahrloste Zimmer, in scheinbar von grünem Schwamm befallene oder unter Schuttbergen begrabene Interieurs. Durch die Decke eines seiner zum Anti-Spitzweg-Idyll ausstaffierten Studios tropft das Wasser, wie es die auf dem Boden herumstehenden Gefäße anzeigen.

Der chinesische Künstler komponiert seine Bilder nach Kriterien der Malerei. So wundert es nicht, dass er ein großer Fan der Renaissance ist, insbesondere das Universalgenie Leonardo da Vinci schätzt. Anders als Jeff Wall, der Meister der inszenierten Historienfotografie, kommt Chen Wei meist ohne Bildpersonal aus. Mit Ausnahme von ihm selbst bestimmen keine Akteure den offenen Beginn und Ausgang der Erzählungen in einem einzelnen Bild. Hier und da wagt es der Künstler allerdings, incognito aufzutauchen. Auf einem seiner prägnantesten Fotos sieht man ihn in einem Wartesaal sitzen und einsam vor sich hin rauchen. Nein, er wolle mit seinen plötzlichen Cameo-Auftritten nicht den Hitchcock der zeitgenössischen Fotografie spielen, sagt Chen Wei. "Wenn ich in meinen Arbeiten erscheine, dann weil ich über die Produktion eines Fotos zugleich den Akt der Performance in Erinnerung rufen will." Das ist eine souveräne und doch romantisch verschwiegene Art der Erzählung.

Am Ende verrät er uns am Beispiel des Fotos "Coins in Fountain Bassin", dass ihn bei seinen Inszenierungen auch eine Art Fortschrittsskepsis umtreibt: "Ich baute extra für dieses Bild einen verwitterten Brunnen, in dem die Skulptur eines Seehunds postiert ist und in dessen trübem Wasser eine Menge hineingeworfene Münzen liegen. In meiner Kindheit in den neunziger Jahren sah man Brunnen wie diesen überall in öffentlichen Parks. Der Seehund mit dem Ball auf seiner Schnauze symbolisiert eine starke und positive Energie. In den heutigen Städten Chinas hingegen sollen Skulpturen nicht nur möglichst neu sein, sondern auch für eine fortschrittliche Technologie stehen."

Steckbrief Chen Wei<br><br>

Geboren: Provinz Zhejiang, China, 1980.


Wohnort: Peking, China.


Ausbildung: Zhejiang University of Media and Communications, Hangzhou.


Galerie: Rüdiger Schöttle, München.


Initialzündung: Als 1996 im chinesischen Fernsehen erstmals über eine Ausstellung mit Videokunst berichtet wurde, dann als ich Musik von Sonic Youth hörte und Gerhard Richters Gemälde "Kerze" sah.


Höhepunkt: Ich habe eine hübsche Tochter!


Tiefpunkt: Wenn einem die nächsten Schritte noch völlig unklar sind und man überhaupt nicht weiterzukommen meint.


Helden: Mein Vater.


Credo: Sich nicht mit äußerlichen Zielen zufrieden geben, nicht über persönliche Verluste traurig sein.


Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Man soll für jeden Rat dankbar sein, der einem gegeben wird.


Warum Künstler, nicht Banker?: Keine Ahnung!
http://chen-wei.org/