Christoph Faulhaber - Starter

Wer ist hier der Boss?

Christoph Faulhaber sondiert den Puls der Zeit und trifft mit aufsehenerregenden Aktionen Gesellschaft und Politik mitten ins Herz
Provokateur:art stellt junge Künstler vor

Mit seiner Firma "Mister Security", 2004-2008, überwachte Christoph Faulhaber den öffentlichen Raum vor der Öffentlichkeit

Als Performer, Filmemacher, Autor und Aktionskünstler fördert Christoph Faulhaber zutage, was eigentlich im Verborgenen bleiben soll.

Seine Kunst ist unbequem und provokativ, seine Performances werden mitunter von der Polizei beendet, seine Person wird vom FBI und der Homeland Security überwacht, und auch ein Stipendium wurde ihm schon entzogen. Zu seinen aufsehenerregendsten Projekten gehörte 2005 die Gründung der Firma "Mister Security", die sich zur Aufgabe machte, den öffentlichen Raum vor der Öffentlichkeit zu überwachen.

Nachdem Faulhaber verboten wurde, eine US-amerikanische Botschaft abzulichten, drehte er den Spieß einfach um und bewachte die Botschaft davor, von der Öffentlichkeit fotografiert zu werden. Diese Aktion dokumentierte er wiederum mit Fotos, die er anschließend auf der documenta 12 ausstellte – natürlich ohne offizielle Einladung –, was auch prompt beendet wurde. Als er danach als deutscher Stipendiat mit legalem Visum in die USA einreisen wollte, wurde er verhört, von der Stipendiatenliste gestrichen und zur Ausreise gedrängt. Solche Repressalien nimmt Faulhaber in Kauf, ja sie sind sogar Teil seiner Arbeit, die erst voll verständlich wird, wenn man sich auf die Mischung aus konzeptuellen, politischen, sozialen und theoretischen Ansätzen einlässt.

Immer geht es dem Provokateur um die Frage nach Öffentlichkeit, Verantwortung, Identität und Macht in der Welt nach 9/11. Der öffentliche Arbeits- und Entfaltungsraum wurde mit einem Schlag zum Raum der Angst – Angst vor Terror, Angst vor Verbrechen, Angst vor dem Fremden. Seine zentralen Fragen lauten: Was ist der öffentliche Raum? Was für Gesetze bestimmen ihn? Wer herrscht hier? Und wer wird beherrscht? Eine andere Aktion, mit der er Antworten sucht, beschäftigt sich mit den Stadtmaskottchen, die seit geraumer Zeit in Fußgängerzonen herumstehen: Hummelfiguren, Bären, Kühe und Pferde. Oft tragen sie die Logos der umliegenden Shops. So erweitern kommerzielle Institutionen ihr Territorium. Doch was passiert, wenn nicht eine Plastikfigur die Logos trägt, sondern ein echter Obdachloser? Was passiert, wenn ein Staat Guantánamo-Häftlinge aufnehmen soll? Mit detektivischem Spürsinn lotet Faulhaber die Grenzen der Scheinöffentlichkeit aus, spürt komplexe Zusammenhänge auf, indem er Bild und Abbild, Aktion und Reaktion aufeinanderprallen lässt – wie in einem urbanen Teilchenbeschleuniger.

Steckbrief<br>

Geboren:
Osnabrück, 1972.

Wohnort: Deutschland.

Ausbildung: Andalusien, Hinter- und Vorderpfalz, Lissabon, Hamburg, Weimar, New York.

Galerie:Ist das so wichtig?

Initialzündung: Ganz langsam, und eher etwas spät.

Höhepunkt: Keine Ahnung, vielleicht kommt der noch.

Tiefpunkt: Der Tiefpunkt, das ist der Normalzustand.

Helden: James Bond, Woody Allen und Monsieur Hulot.

Credo: Mit der Zeit kommen die Dinge zu dem, der warten kann.

Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Ich fand jeden Rat überflüssig, ich kann mir nur selber raten.

Warum Künstler, nicht Banker?: Die gegenwärtige Kunstproduktion und
die globale (Finanz-)Ökonomie haben sehr viel miteinander zu tun, so lässt sich beispielsweise für beide die Definition der Spieltheorie heranziehen, wonach die Spieltheorie Entscheidungsmodelle in sozialen Konfliktsituationen untersucht, um Modelle für das Verhalten der sich gegenseitig beeinflussenden Beteiligten zu entwerfen, oder vereinfacht gesagt, die reale Inszenierung einer künstlichen Realität.
Gruppenausstellung: Kunsthalle Baden-Baden, Macht der Machtlosen, 16. November bis 16. Februar 2014
http://www.christophfaulhaber.de/

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