Alexandra Baumgartner - Starter

Hysterie am Abgrund

In der Serie "Starter" stellt art junge Künstler vor. Diesmal: Alexandra Baumgartner, deren psychoanalytisch inspirierte Arbeiten total verrückt sind.
Psychoanalyse:art stellt junge Künstler vor

Aus alten Fotos, die Alexandra Baumgartner auf Flohmärkten findet, erstellt sie verfremdete Alltagsszenen, die den Betrachter verstören. Alexandra Baumgartner: "Acephalus", Ölfarbe auf Fotografie, 2011

Die raumfüllende Installation "Entreakt", die die in Berlin lebende Österreicherin Alexandra Baumgartner jüngst bei "Berlin Weekly" präsentierte, ist beunruhigend: Durch den Raum tanzende Stühle, und von der Wand blickt lebensgroß eine der Hysterikerinnen, die der Neurologe Jean-martin Charcot Ende des 19. Jahrhunderts gern öffentlich im Pariser Hôpital de la Salpêtrière vorführte.

Aber auch Baumgartners kleinformatige Arbeiten haben es in sich: Aus alten Fotos, die sie auf Flohmärkten oder bei Wohnungsauflösungen findet, stellt sie erschütternde Collagen her. In ihnen verfremdet sie Alltagsszenen und Idyllen und verweist so auf Abgründe, die manch schöner Schein verdeckt.

Eine Praxis übrigens, die sie erstmalig an eigenen Familienfotos ausprobierte. Ein Zufall, den die ausgebildete Fotografin trotz ihres ausgeprägten Inter­esses an psychoanalytischer Theorie und Praxis nicht überinterpretiert wissen will. Worum geht es ihr dann? "Thema meiner Arbeiten sind psychische und moralische Abgründe, der physische Verfall des Menschen, Vergänglichkeit, Beziehungsgeflechte, Grenzzustände, Kontrollverlust und Ängste. Die Natur, die uns bestimmt, und der Mensch, der versucht, sie zu kontrollieren, aber im Grunde dennoch unterlegen bleibt. Diesen Kampf führt ja jeder mit sich. Das Tier in uns, das Animalische, das man zu kontrollieren versucht und das doch immer wieder durchkommt, ob wir wollen oder nicht."

Dennoch finden sich unter all den kopflosen Kindern, ausgebrannten Augen, vernähten Mündern und mutierten Tentakelwesen, die einander umarmend erwürgen, durchaus Spuren schwarzen Humors. Sie selbst, erklärt sie mit einem Lächeln, finde ihre Arbeiten eher beruhigend. Ernstliche Sorgen muss man sich also trotz der morbiden Sujets nicht um die Urheberin machen.

Steckbrief Alexandra Baumgartner<br><br>

Geboren: Salzburg, 1973.


Wohnort: Berlin und Wien.


Ausbildung: Universität für angewandte Kunst, Wien.


Initialzündung: Intuition.


Höhepunkt: Kommt noch.


Tiefpunkt: Immer wieder.


Helden: Sind alle schon tot.


Credo: Werde, der du bist.


Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte Auf keinen Rat hören.


Warum Kunst? Rekonstruktion.
http://alexandrabaumgartner.com/

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