Akt Now! - Aktfotografie

Akt Now: Julian Baker

Unsere Serie präsentiert jede Woche die besten Aktbilder internationaler Fotografen. Diesmal: Julian Baker
Junge Aktfotografie:Die besten Aktbilder internationaler Fotografen

Julian Baker: "Coupled, Friends #8", London, Dezember 2012

Was reizt Sie an dem Thema Akt?

Ich würde die Frage anders stellen: Was macht Sie neugierig auf den nackten Körper?

Der Akt bedeutet in der Kunst meist einen Stil, in dem Licht, Pose, Regie gemeinsam darauf zielen, eine idealisierte Schönheit der menschlichen Form abzubilden. Es geht um den Blick, nicht um das Subjekt.

Ich fotografiere nackte Menschen. Unsere Gene haben uns mitgegeben, dass wir es anregend finden, unbekleidete Mitglieder unserer Spezies zu betrachten. Unsere Neugier, wie andere nackt aussehen, ist ein Nebeneffekt des natürlichen Fortpflanzungstriebes. Trotz der grundlegenden Beschränkung des menschlichen Körpers – zwei Arme, zwei Beine, etc. – sehen wir genug Abwechslung, um tausende Individuen zu unterscheiden.

Diese Neugier ist die Grundlage meiner Arbeit. Darauf bauen Fragen auf nach den Neurosen und Obsessionen, die unsere Gesellschaft für Nacktheit besitzt, und nach den Paarungsritualen, die unsere Spezies praktiziert. Aber wenn man das zu jemanden sagt, antworten sie nur, dass sie sich für eine Freitagnacht anziehen.

Wie weit würden Sie gehen? Gibt es Tabus?

In der Kunst sollte es keine Tabus geben, oder besser: Künstler sollten nicht wegen der Grenzen schweigen, die die Gesellschaft errichtet. Wenn es etwas zu sagen gibt, zu fragen gibt, wenn es ein Thema ist, dann ist das Grund genug.

Für mich persönlich gibt es natürliche Grenzen, die durch meine Interessen entstehen: Nacktheit und Ritual in der Gesellschaft. Der tatsächliche Geschlechtsakt ist eine taktische Übereinkunft zwischen Menschen, ein privater Vertrag – als solcher ist er für mich ohne Interesse. Es ist die gleichzeitige und gegensätzliche Verzierung und Verkleidung der Lust, die mich fasziniert. Etwas, das verstört, kann unter die Haut gehen und viel effektiver und lautloser Vorurteile verändern als eine grobe Schocktaktik.

Wann wird ein Akt zum Kunstwerk?

Meine Frau besitzt eine Antwort, die so scharf ist wie Ockhams Rasiermesser für das Dilemma: Ist das Kunst? Wenn es als Kunst gemacht ist und keinen anderen Zweck hat: Dann ist es Kunst.

Gibt es inspirierende Vorbilder?

Menschen inspirieren mich. Es wird ein enormes Vertrauen gegeben, wenn jemand Modell steht, und daraus entsteht eine interessante Unterhaltung: Ich lerne bei jedem Fotoshooting etwas neues über die menschliche Natur. Ich bin begeistert von gegenständlicher Malerei, aber das übersetzt sich nicht direkt in meine Arbeit. Bilder, die ich mag, versuchen oft zu zeigen, was verborgen ist, während ich versuche zu zeigen, was wir ablehnen zu sehen. Jedes gute Foto, das ich sehe, inspiriert mich, oder besser, es erinnert mich daran, mehr zu fotografieren.

Als ich anfing, Akte zu fotografieren, hatte ich keine Kenntnis von den berühmteren Praktikern des Genres und dass es so eine große Community von Aktfotografen gibt. Aber wenn ich einen Namen nennen müsste, dann Ryan McGinley. Obwohl sein Werk meinem nur wenig ähnelt. Als ich "I know where the Summer Goes" sah, war das der Funke, der mein Interesse an der Aktfotografie entzündete. Ich bin auch sehr von Carlo Mollinos Polaroids begeistert.

Was war der peinlichste Moment?

Mehr surreal als peonlich, aber es wäre unangemessen, Details zu verraten. Wichtiger als technische Fähigkeiten ist das Vertrauen für ein gutes Porträt, und ich würde es hassen, wenn jemand denkt, dass ich Geschichten erzähle.

Was mich aber angeht, kenne ich keine Scham. Nachdem ich das erste Jahr Menschen gebeten hatte, ihre Kleidung für mich auszuziehen, fühlte ich, dass ich nur weitermachen könnte, wenn ich das Gleiche tun würde. Ich meldete mich freiwillig für die Performancegruppe "Flashing Bodies". Ihre nächste Intervention war an einem Samstagmorgen in einem verlassenen Mietskaserene in einem der weniger guten Teile von London.

Es gab nicht nur "Nachfragen" des Sicherheitsdienstes, sondern es tauchten auch Jugendliche auf, um ein Grime-Musikvideo zu drehen. Nach der Performance musste ich nackt alleine zurück zu meinem Fahrrad laufen, direkt durch ihre Dreharbeiten. Ich entdeckte das Paradox, dass man als freiwillig nackte Person mehr gefürchtet wird, als man sich verwundbar fühlt.

Welche Rolle spielen die Inszenierung und der Zufall in Ihren Fotografien?

Eine große. Man könnte meine Arbeit Theater und Zufall nennen. Ich bilde nicht die Realität ab. Fotografie ist nicht die Wirklichkeit. Neben der Reduktion der Größen, werden Entscheidungen über den Rahmen, die Perspektive getroffen. Und da sprechen wir noch nicht über die Retusche.

Meine Werke sind gestellt und vordefiniert. Aber wenn die Bühne eingerichtet ist, dann gibt es nur wenige Regieanweisungen. Beim Fotografieren von Menschen muß man sie sie selbst sein lassen, ich schreite nur ein, wenn sie eine geübte Modelpose einnehmen.

Ich lasse meist einen Aspekt ungeplant, ich weiß nicht, ob das mit Absicht oder aus Schlampigkeit ist. Es gibt eine Welle der Panik vor der Lösung. Die Umstände müssen zum Werk beitragen, sodass jedes Bild seinen eigenen Raum und Zeit erhält. Wenn man genau weiß, wie ein Bild aussehen wird, warum sollte man es dann schießen?

Welches Projekt würden Sie gerne einmal realisieren?

Weiterhin Porträts machen, von jedem mit genug Grazie, sich für meine Kamera nackt auszuziehen.

Steckbrief

Ausbildung: Verschiedene Schulen in Afrika, Australien und England

Alter: 49

Blog: Sybarite
http://www.julianbaker.com
julianbaker@julianbaker.com

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