Charlie Anderson - Starter

Postmoderner Cowboy

Die Malerei des 25-Jährigen versprüht den rauen Charme der Straße, ist aber Ergebnis langwieriger Überarbeitungsprozesse
Mit Auftrieb:art stellt junge Künstler vor

Charlie Anderson: "Everything", acrylic and house paint on paper 45 x 35 cm

"Dieser Künstler lebt gefährlich!" Das schreibt zumindest die "Bild"-Zeitung über Charlie Anderson, 25.

Tatsächlich hat der in Neuseeland geborene und in Edinburgh lebende Maler bereits einigen Ärger aufzuweisen: Glaubt man den von seiner Galerie gestreuten Informationen, gerät er ständig mit Künstlerkollegen, Kuratoren und sonstigen Kunstweltgrößen aneinander – und das nicht nur verbal. Woher all sein Ärger kommt? Genau möchte sich Anderson nicht äußern, lässt aber auf Nachfrage durchblicken, dass er wohl zu Studentenzeiten den Begriff der "Appropriation" ein wenig zu großzügig ausgelegt habe.

Bei so viel Bohei um ein wenig Radau geraten die eigentlichen Qualitäten des aus dem Umfeld der "Urban Art" stammenden und von Vorbildern wie Sigmar Polke inspirierten Künstlers etwas aus dem Blick. Seine aktuellen Arbeiten auf Papier, Leinwand und Wand erinnern auf den ersten Blick an die "Décollagen" der fünfziger und sechziger Jahre, sind in Wirklichkeit jedoch vielschichtige Malerei, die in einem langwierigen Prozess immer wieder neu aufgetragen und dann partiell mit Messer, Spachtel oder Schleifpapier entfernt wird. So zersetzt Anderson den schönen Schein der Lifestyle-Magazine, deren grelle Titelblätter ihm als Vorlage dienen. Es entsteht ein faszinierendes Patchwork der Kontraste und Assoziationen, das durch die Wirkung emotional aufgeladener Textfragmente noch verstärkt wird. Ganz "Postmoderner Cowboy", wie es in einer seiner Arbeiten heißt, schießt sich hier ein junger Wilder des 21. Jahrhunderts seinen Weg durch die Zeichenwüsten der Konsumgesellschaft frei und spielt dabei gekonnt mit medialen Klischees. Nur das mit der Selbstinszenierung als harter Typ klappt noch nicht so ganz. Denn wen hatte er als Verstärkung zur Eröffnung einer ersten Einzelausstellung in Deutschland am Start? Seine Mutter. Hoffentlich kriegt das die Boulevard-Presse nicht mit.

Steckbrief<br><br>

Geboren: Whangarai, Neuseeland, 1987.


Wohnort: Edinburgh, Schottland.


Ausbildung: Edinburgh College of Art.


Galerie: MILA Kunstgalerie, Berlin.


Initialzündung: In meinem letzten Collegejahr setzte mich mein Dozent vor einen Computer und googelte Sigmar Polke.


Höhepunkt: Mit Ringo Starr auf die Bühne zu kommen, um unsere Zusammenarbeit zu präsentieren.


TiefpunktE: Keine Tiefpunkte. Alles, was bis jetzt passiert ist, war ein Lernexperiment.


Helden: Mark Bradford, Liam Gallagher.


Credo: Meine Arbeit persönlich zu halten und aufrichtig zu bleiben gegenüber der Art von Künstler und Person, die ich bin.


Ein Rat, der ihnen geholfen hätte: Denk nicht über die Konsequenzen nach, wenn du etwas schaffst.


Warum Künstler, nicht Banker?: Banker zu sein klingt langweilig.
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