Maria Anwander - Starter

Diebische Elster

Die österreichische Wahlberlinerin geht in Museen auf Trophäenjagd und erobert in Nacht- und Nebelaktionen den öffentlichen Raum.
Mit Auftrieb:art stellt junge Künstler vor

Maria Anwander: "The Kiss (MoMA)"

Sie kam, küsste und siegte! Unentdeckt von all den Aufsehern, die sonst mit Argusaugen über die Räume des Museum of Modern Art in New York wachen, machte sich die österreichische Künstlerin Maria Anwander an einem gewöhnlichen Besuchstag über eine freie Wandfläche her.

Küsste dort hingebungsvoll den Anstrich des Weltmuseums, als handle es sich um ein leibhaftig ergattertes Objekt der Begierde. Eine Videokamera dokumentierte die immerhin eine Minute lang währende, unerlaubte Kussaktion. Kurz vorher hatte Anwander ein die offiziellen Beschriftungen des Museums imitierendes Schild angebracht, wo ihre Autorenschaft, das Produktionsjahr 2007 sowie der Titel "The Kiss" verzeichnet war. Kurioserweise blieb das Schild vier Tage im MoMA hängen, danach verloren sich die Spuren zu der Hinterlassenschaft von Maria Anwanders unsichtbarem Meisterwerk. "Für mich war wichtig, dass man die Aktion im Nachhinein noch imaginieren kann", sagt die Künstlerin.

Mit erstaunlicher Konsequenz unterwandert die Wahlberlinerin humorvoll die Regelwerke und Klischeebildungen des Kunstbetriebs. Es ist eine Guerilla-Taktik der leisen Art. In einer Nacht- und Nebelaktion platzierte sie letztes Jahr mitten im Stadtzentrum von Luxemburg einen zwei Tonnen schweren Kalkstein mit ihrer Namensinschrift, als wollte sie sich in heroischer Anmaßung selbst ein Denk- beziehungsweise Grabmal setzen. Seit 2004 spielt sie überdies die diebische Elster und stiehlt in Museen Schilder von geliebten Kunstwerken für ihre Kollektion "My Most Favourite Art" zusammen. Ein Kavaliersdelikt, das ihr selbst von Konservatoren nachgesehen wird, wenn die mittlerweile auf rund 80 Stück angewachsene Beute für Ausstellungszwecke zurück in die Museumshallen gelangt. Als ihr Ende letzten Jahres der Hospiz-Kunstpreis in St. Chris­toph am Arlberg verliehen wurde, begründete die Jury zu Recht, Anwander vereine "auf einmalige Art und Weise konzeptionelle und institutionskritische Ansätze" und schaffe es, "diese in eine klare, bildhafte Sprache zu übersetzen".

Steckbrief<br><br>

Geboren:
Bregenz, 1980.


Wohnort:
Berlin.


Ausbildung: Akademie der
Bildenden Künste Wien.


Initialzündung: Am Freitag, den 24.10.1986 um 11.29 Uhr.


Höhepunkt: Unabhängigkeit.


Tiefpunkt: Erkenntnis über verschiedene doch noch vorhandene Abhängigkeiten.


Helden: Keine.


Credo: Privat.


Ein Rat, der ihnen geholfen hätte: Keine Steckbriefe ausfüllen, deren Fragen ­blöde, abgekürzte Antworten provozieren.


Warum Künstler, nicht Banker?: Ich hätte immer schon eher dazu tendiert, Bankräuberin zu werden, anstatt in einer Bank zu arbeiten. Dass hier ausgerechnet der Beruf der Künstlerin dem des Bankers gegenübergestellt wird, spiegelt sehr stark das f­ragwürdige Verhältnis unserer Gesellschaft zur Kunst und zeigt, dass Kunst allzu oft als reines Investitionsobjekt gehandelt wird.

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