Chiharu Shiota - Starter

Gesponnene Vernetzung

Junge Kunst mit Auftrieb: Sie legen überraschende Auftritte bei internationalen Ausstellungen hin, erobern den öffentlichen Raum, bringen es zu Klickrekorden im Internet oder träumen noch vom ganz großen Durchbruch. Die besten Nachwuchs­künstler – jetzt jede Woche in der Reihe "Starter". Diesmal mit Chiharu Shiota: Die in Berlin lebende Japanerin webt Räume, Menschen und Objekte ein und stellt damit Fragen nach Identität und Heimat.
Mit Auftrieb:art stellt junge Künstler vor

Chiharu Shiota: Sängerin im Bühnenbild zur Oper “Matsukaze”, 2011

Spinnennetze, Kokons, Nervenbahnen: Es gibt tausend und eine Assoziationsmöglichkeit für Chiharu Shiotas Faden-Installationen. Sie nimmt einen Raum, hebt ein Objekt hinein und webt es so großzügig mit schwarzen Baumwollfäden ein, bis es von ihnen getragen wird.

"Ich wollte auf der Luft zeichnen", sagt sie. Manchmal erstrecken sich die Gespinste kreuz und quer durch den Saal und überziehen nicht nur Gegenstände, sondern auch Menschen – die Künstlerin mit eingenommen. Sie verbinden das Eingesponnene mit dem Raum und trennen es gleichzeitig ab. Klaviere, die sie einweb-te, zündete sie vorher an – weil sie die Klänge, die sie einmal produziert hatten, als Erinnerung festhalten wollte. Marina Abramovic ist die Mentorin dieser Kunst, die den eigenen Körper in den Mittelpunkt stellt. Bei ihr hat Chiharu Shiota studiert.

Die Künstlerin, die in Japan geboren wurde und in Berlin lebt, reist viel. "Heimat", sagt sie, "ist dort wo das Herz ist." Oft arbeitet sie mit Koffern, mal eingesponnen, mal zu einem Haus aufgebaut oder an der Wand gestapelt: ein Paradoxon, indem sie für den Mauer- und Hausbau ausgerechnet ein Symbol der Reise und des Fernwehs verwendet. Mit "Over the Continent" oder "Dialogue from DNA" sind ihre beeindruckenden Schuh-Installationen betitelt, in denen sie unzählige gebrauchte Schuhpaare mit roten Wollfäden an einem Punkt mit der Wand verknüpft. Als Hinweis auf die Geschichte, die mit jedem dieser getragenen Paare verbunden ist, befestigte sie daran Zettel mit Angaben zum einstigen Besitzer, die sie bei Performances vorlas. "Kunst", sagt Chiharu Shiota, "kann viel mehr von Identität preisgeben als beispielsweise ein Pass."

In ihrer aktuellen Ausstellung in der Kieler Kunsthalle hat sie Treppenstufen eingewebt. "Für mich spiegeln Wollfäden Gefühle und sind das beste Material, menschliche Beziehungen darzustellen."


Ausstellung: Schleswig-Holsteinischer Kunstverein in der Kunsthalle zu Kiel, bis 29. April

Steckbrief

Geboren:
Osaka, Japan, 1972


Wohnort:
Berlin


Ausbildung: Kyoto Seika University, Japan; Canberra School
of Art, Australien; Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig; Universität der Künste, Berlin


GalerieN: Haunch of Venison, London und New York; Galerie Daniel Templon, Paris


Initialzündung: Das alltägliche Leben


Höhepunkt: Meine Einzelausstellung im Nationalmuseum von Osaka im Jahr 2008


Tiefpunkt: Als die Arbeiten für eine Ausstellung erst eine Stunde vor der Eröffnung angeliefert wurden


Helden: Ich habe keine Helden.


Warum Künstler, nicht Banker?: Ich wollte schon immer Kunst machen, es gab keine andere Wahl für mich.
http://www.chiharu-shiota.com/

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