Robert Seidel - Starter

Möseln, Colditz, Wurzen

Junge Kunst mit Auftrieb: Sie legen überraschende Auftritte bei internationalen Ausstellungen hin, erobern den öffentlichen Raum, bringen es zu Klickrekorden im Internet oder träumen noch vom ganz großen Durchbruch. Die besten Nachwuchs­künstler – jetzt jeden Monat in der Reihe "Starter". Nach Marlene Hausegger geht es weiter mit den geometrischen Werken von Robert Seidel.
Mit Auftrieb:art stellt junge Künstler vor

Bewusst dämlicher Bildaufbau: Robert Seidels "Dirty Reggae", 2011 , 96 x 110 cm

"Möseln on Fire" – fast könnte man an etwas Unanständiges denken. Groß prangen die Worte auf dem Umschlag des ersten monografischen Katalogs des Leipziger Malers Robert Seidel.

Dabei ist an Möseln nichts Anstößiges, es handelt sich um einen Ortsteil der sächsischen Kleinstadt Colditz, die im Leipziger Landkreis liegt. Seidel hat die Gemeinde 2007 in Eitempera auf Leinwand verewigt, auf seine ganz spezielle Art: Wie auf einem umgekippten Tortenstück drängen sich ein- und zweigeschossige Häuser entlang einer abschüssig verlaufenden Straße. An ihrer Unterseite ist ein geothermisch wirkender Farbverlauf von Dunkelrot nach Weiß zu erkennen. Möseln ist also auf Feuer gebaut.

Im schmalen Werk des 1983 geborenen Künstlers, der erst 2011 seinen Meisterabschluss bei Neo Rauch an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst gemacht hat, gibt es mehrere solcher Bilder. Fast alle handeln sie von sächsischen Kleinstädten in merkwürdigen Ansichten. Das Thema liegt Seidel, er kommt selbst aus Grimma, einer Kreisstadt mit rund 30 000 Einwohnern. Anfangs sei es ihm darum gegangen, das, was ihn umgeben habe, "mit einem Kunstbegriff zu füllen", sagt der Künstler. Seine Bilder haben etwas Eigentümliches, wirken oft ein wenig technizistisch, aber doch nie steril oder glatt. "Wenn es zu klar ist", sagt Seidel, "dann ist es tot." In letzter Zeit hat er sich an den menschlichen Körper im Raum herangearbeitet. In "Dirty Reggae" (2011) etwa versammeln sich vier Rude Boys in lässiger Pose um eine Hammond-Orgel. Eine gewisse Kantigkeit scheint durch, passt aber zum Thema. Sein Lehrer Rauch soll ihn bei diesem Gemälde auf gewisse kompositorische Ungereimtheiten hingewiesen haben. Für Seidel gehören aber gerade die Unwuchten zum Kunstmachen dazu. Manchmal müsse man eben auch "bewusst ein bisschen dämlich im Bildaufbau sein".

Steckbrief

Geboren: 1983, Grimma, Deutschland

Wohnort: Leipzig

Ausbildung: Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, Galerie ASPN, Leipzig

Initialzündung: Es geht nicht darum, wann und wie ich angefangen, sondern darum, dass ich bis jetzt nicht damit aufgehört habe und es auch nicht vorhabe.

Höhepunkte: ... kommen hoffentlich noch einige!

Tiefpunkt: Ich komme immer wieder an Punkte, an denen ich ins Stocken gerate.
Diese Zustände sind meist schmerzhaft, erweisen sich aber rückblickend als heilsam von Umständen, die unweigerlich überwunden werden müssen. Es sind verlässliche Indikatoren dafür, wann es an der Zeit ist, sich neu zu orientieren.

Helden: Ich lasse mich gern von Menschen beeindrucken und inspirieren, aber so etwas wie Vorbilder, die mich mein Leben lang begleiten und denen ich mich in schwierigen Zeiten anvertraue, habe ich nicht.

Credo: Schritt für Schritt

Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Gegen Ratschläge bin ich in der Regel resistent. Ich neige dazu, Sachen selbst auszuprobieren, Fehler eingeschlossen. Der Erfahrungswert ist deutlich höher.

Warum Künstler, nicht Banker?: Wiederholungen langweilen mich. Ich wür-
de als Angestellter hinter einem Bankschalter verschrumpeln wie eine Rosine.

http://www.robertseidel.net/

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