Lukas Marxt - Starter

Verschwindende Kunst

art stellt junge Künstler vor: Lukas Marxt macht Earth Art, die nicht mit großer Geste die Landschaft gestaltet, sondern das Vergehen der Zeit in flüchtigen Erscheinungen beobachtet.
Einsamer Wanderer:wo Zeit und Welt aufhören, beginnt Lukas Marxt

Das Boot kommt und geht, zurück bleiben nur Wellen – Lukas Marxt: "Reign of Silence", 2013

Ein einsamer See im Polargebiet. Ein Motorboot kommt ins Bild und zieht, sobald es die Mitte erreicht hat, langsam größer werdende Kreise.

In Spiralen breiten sich die Wellen hinter dem Boot aus, und als dieses wieder aus dem Bildrahmen verschwindet, bleibt ein betörend schönes, sich in steter Bewegung über das Wasser ausbreitendes Muster zurück. Schließlich liegt der See wieder ruhig da. Der Wind rauscht, und die Spur des Menschen hat sich verloren.

"Reign of Silence", also Herrschaft der Stille, heißt dieses Video von Lukas Marxt. Mit ihm folgt der Absolvent der Kölner Kunsthochschule für Medien einer Tradition der modernen Kunst, die mit der Natur zu malen versucht. Die spiralförmigen Wellen erinnern an Robert Smithsons berühmte "Spiral Jetty" von 1970, eine aus Sand und Stein aufgeschichtete Mole, die sich in den Großen Salzsee in Utah zieht. Aber während Smithson ein solides Kunstwerk in die Natur setzte, ist das Bewegungsmuster von "Reign of Silence" nur für den Moment geschaffen. Vor der Kulisse eines Eisbergmassivs wirkt es besonders flüchtig – wie ein an Erdzeitaltern gemessenes Menschenleben.

Lukas Marxt wurde 1983 in Österreich geboren und lebt seit 2009 in Köln. "Mein Hauptthema", sagt er, "ist die Wahrnehmung von Zeit. Beim Film ist das besonders dankbar, weil man die Welt in Echtzeit abbilden kann." Am liebsten erforscht Marxt dieses filmische Zeitgefühl in der Begegnung mit der rauen, abgelegenen Natur. "Reign of Silence" ist im Polargebiet von Spitzbergen entstanden, für sein Video "Rising Fall" fuhr Marxt als Stipendiat des Unwetterdienstes drei Monate schlechtem Wetter hinterher, um dann drei lange, beinahe abstrakte Einstellungen von Nebelbänken und Wolkenformationen aneinanderzumontieren. "Die Einsamkeit", sagt Marxt, "ist der Nährboden für meine Kunst und Wandern meine Arbeitsmethode." Am Anfang des Wegs stehen so alltägliche wie grundsätzliche Fragen: Was stößt mir zu, wem begegne ich, welche Spuren hinterlasse ich im Gedächtnis der Welt – und welche Spuren hinterlässt die Welt in mir?

Zu einzelnen Videos hat Marxt auch Künstlerbücher her­ausgegeben, in denen er das jeweilige Thema variiert und erweitert. Besonders interessieren ihn dabei die grundlegend verschiedenen Wahrnehmungsweisen der beiden Medien: hier der meditative Fluss der Bilder, dem er sich wie Treibgut überlassen kann, dort das Umblättern der Seiten, das eher dem bedächtigen Schritt des mit den Blicken umherschweifenden Wanderers gleicht. "Ich suche", so Marxt, "ohne zu wissen, wonach."

Steckbrief<br>

Geboren: 1983.

Wohnort: Köln und Graz.

Ausbildung: Audiovisuelle Gestaltung, Kunstuniversität Linz; Meisterschüler, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig; Postgraduiertenstudium, Kunsthochschule
für Medien Köln.

Initialzündung: Es war eine Suche, ein Zustand, den ich empfunden habe.

Höhepunkt: Phasenweise ein Leben nur nach den Vorgaben der Natur zu führen.

Tiefpunkt: Ich war gerade – könnte sieben Jahre her sein oder auch länger – in Gedanken. Man hat keine wirkliche Kontrolle über das, was man tut. Das Gefühl hört dann auf.

Helden: So sein können, wie sie wollen.

Credo: Einsam kann nur der Betrachter werden, niemals jedoch seine Umgebung.

Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Sobald ich auf mein Dasein Einfluss nehmen kann, werde ich das tun.

Warum Kunst?: Kann sein, dass ich das noch nicht gelebt habe.
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