Boris Petrovsky - Starter

Liebe, Gesundheit, McDonalds

Er stellt Plastikkätzchen in Reih und Glied und baut Maschinen, die unsere Wünsche mit Konsumprodukten verbinden: Boris Petrovskys Arbeiten zeigen den niedlichen Horror der Gegenwart.

Die Kollegen waren verschnupft. Als die Stuttgarter Galerie Abtart auf der Art Karlsruhe den Künstler Boris Petrovsky präsentierte, stahl er allen die Schau.

Der Konstanzer Künstler hatte seine Army of Luck aufgebaut, eine raumgreifende Installation mit 520 Winkekatzen aus dem Asia-Shop. Petrovsky stellte die goldfarbenen Plastiktierchen wie zum Klassenfoto in akkuraten Reihen auf und ließ sie rhythmisch winken. Die Katzen erhoben ihre Tatzen – und das Publikum war fasziniert.
Doch Boris Petrovsky geht es nicht um den schnellen Effekt. Er hat an der Hochschule für bildende Künste Hamburg studiert und ist mit Hightech und Neuen Medien groß geworden. In seinen oft raumgreifenden Installationen nutzt er industriell gefertigte Produkte, arbeitet mit Leuchtkörpern, Hard- und Software. Sein Thema ist die moderne Medien- und Konsumgesellschaft.

Häufig verwendet Petrovsky ausrangierte Neonschriften und Werbebotschaften aus dem öffentlichen Raum. Es sind Symbole der Konsumindustrie. Bei seiner Wünschelma-trix, einer riesigen Installation mit mehr als 500 solcher Leuchtzeichen, können die Besucher über eine überdimensionierte Tastatur Botschaften eingeben. Die persönlichen Wünsche werden über die leuchtenden Werbeschriften Konsumartikeln zugeordnet. Man gibt "Liebe" oder "Gesundheit" ein – und die Antwort ist "McDonalds". So funktio­niert die Konsumindustrie: Sie suggeriert, dass sich jedes Bedürfnis mit einem schnöden Produkt befriedigen lässt.

Petrovsky, der mit einem technischen Stab und mehreren Programmierern arbeitet, agiert virtuos als Meister der Technik und bleibt doch stets wie ein Regisseur im Hintergrund. Hinter seinen fröhlich anmutenden, interaktiven Spektakeln lauern oft bittere Botschaften. Die Miezekätzchen sind putzig anzuschauen. Auch hier können die Besucher Textbotschaften einspeisen, lassen sich ganze Choreografien programmieren. Die güldene Katzenschar ist zugleich eine Matrix, auf der Muster und Strukturen entstehen.

Die Army of Luck verspricht Glück, aber sie ist eben auch eine Armee, die durchaus bedrohlich wirkt in ihrer roboterhaften Uniformität: So reflektiert Petrovsky immer auch klug die eigene Faszination für den technischen Fortschritt. Denn wehe, wenn die Technik sich verselbstständigt – und die Katzenarmee losmarschiert.

Boris Petrovsky

Geboren: Konstanz/1967.

Wohnort: Konstanz.

Ausbildung: Hochschule für Bildende Künste Hamburg.

Initialzündung: "ORF kunststücke".

Höhepunkt: Eine Arbeit mit Oberkante in einer Höhe von 12 Metern über der Erde.

Tiefpunkt: Eine Arbeit mit Oberkante in einer Tiefe von 10 Metern unter der Erde.

Helden: "Boris Petrovski" ("I created the Colossus", Marvel Comic #14) Der russische Bildhauer Boris Petrovski soll eine Skulptur schaffen, die das Sowjetregime verherrlicht. Er haut einen 30 Meter hohen Colossus aus Granit, der das Regime jedoch als unmenschlich reflektiert. Als ein Alien den Colossus zum Leben erweckt, greift die Rote Armee an. Sie verdächtigt Petrovski, einen Mechanismus eingebaut zu haben. Er erfindet die Geschichte, dass der Colossus erwacht, um sich gegen Unterdrückung zu wehren. Das Regime ändert sich schließlich zum Guten. Später wird der Colossus in den USA ausgestellt, wo Aliens ihn reanimieren.

Credo: Geradewegs über Umwegung drauf zu.

Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: "Die Einkerbungen der Lochscheibe müssen in die Nylon-Zähne des Wolfskörpers passen, damit die Scheibe vollkommen richtig sitzt." (Moulinex, 1973)
Warum Künstler? Weil sie eine Außenstelle des beobachtenden Gehirns ist, diesseits oder jenseits nur wenig entfernt vom Ereignishorizont der schwarzen Löcher, die stetig Bilder, Worte, Gedanken, Handlungen, Materialien – Informationen und Daten – in sich hineinsaugen.
http://www.petrovsky.de/

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