Vincent Ganivet - Starter

Katastrophenkonstrukte

Junge Kunst mit Auftrieb: Sie legen überraschende Auftritte bei internationalen Ausstellungen hin, erobern den öffentlichen Raum, bringen es zu Klickrekorden im Internet oder träumen noch vom ganz großen Durchbruch. Die besten Nachwuchs­künstler – jetzt jede Woche in der Reihe "Starter". Nach Katie Paterson geht es weiter mit Vincent Ganivet. Schön einsturzgefährdet: Der französische Künstler baut waghalsige Bogenskulpturen nach dem Vorbild mittelalterlicher Kathedralen.
Mit Auftrieb:art stellt junge Künstler vor

Zwitter aus gotischem Bogen und Oberleitungskonstruktion: Vincent Ganivets Skulptur "Caténaires", 2009

Gefahr kann auch ihre schönen Seiten haben. Der Franzose Vincent Ganivet spielt in seinen Skulpturen mit der Katastrophe, zelebriert die Leichtigkeit der Kunst im Kampf gegen die Schwerkraft. Er liebt den Charme des Widerspruchs, zaubert Schönes aus hässlichen Materialien.

Unansehnliche Fertigbauelemente schwingen sich, miteinander verkettet, als "Caténaires" (Oberleitungen) in gewagten Bögen durch die Museen. Ganivet baut Steinräder mit zweieinhalb Meter Durchmesser, Fontänen, die wie verrückt im Kreis spucken oder verkeilt parkende Autos ineinander – der vermeintliche Unfall als Kunststück. "Ich liebe Zaubertricks", sagt der 1976 geborene Künstler, der bis 2003 ein Studium an der Pariser Ecole nationale supérieure des beaux-arts absolvier­te, auszustellen begann und 2007 in einer Förderkoje des Palais de Tokyo erstmals auffiel. "Allerdings muss bei mir alles offenliegen und sichtbar sein, nichts wird versteckt." Sein Lieblingsmaterial sind Hohlbausteine, die er im Trockenverfahren, also ohne Putz, aneinanderreiht. In Anlehnung an mittelalterliche Techniken des Kathedralenbaus stützt er die Bögen seiner Skulpturen, oft errechnet dank der Formeln mathematischer Krümmungen, mit Holzgerüsten, bis der letzte Stützstein gesetzt ist und das Holz abgenommen werden kann.

Elastische Gurte und Keile halten die Konstruktion aus bis zu 350 Steinen unter Spannung und sind sichtbarer Teil der fertigen Arbeit. Einkrachen kann diese trotzdem, denn manchmal stößt die Kunst an ihre Grenzen – Unfall und Scheitern sind Teil des Konzepts. Wie Ende Juni letzten Jahres in der Orangerie der Staat­lichen Kunsthalle Karlsruhe, als eine sechs Meter hohe und fünf Tonnen schwere Skulptur nächtens in sich zusammenbrach, angeblich wegen Unruhebewegungen im Untergrund. Das Gebilde, dessen neu erprobte Schwierigkeit darin lag, dass die einzelnen Bögen sich um 180 Grad um die eigene Achse drehen, wurde kurze Zeit später in der Pariser Galerie Yvon Lambert noch einmal aufgebaut. Und blieb stehen. Die Kunst hatte über die Katastrophe gesiegt.

Steckbrief

Geboren: 1976 Suresnes, Frankreich


Wohnort: L’Île-Saint-Denis


Ausbildung: Freie Kunst und Bauwesen an der Pariser Kunstakademie


Galerie: Yvon Lambert, Paris


Initialzündung: Kaliumpermanganat + Glyzerin


Höhepunkt: Wenn ich ein neues Gleichgewicht schaffe.


Tiefpunkt: Wenn es zusammenbricht.


Helden: Super Mario 2


Credo: Noli me tangere.


Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Helmpflicht


Warum Künstler, nicht Banker? Weil es mehr einbringt.

Vincent Ganivet


http://vincentganivet.fr/