Ruben Brulat - Starter

Der nackte Wahnsinn

Größer könnten Gegensätze kaum sein: bloße Körper in rauer Landschaft. Ruben Brulat überredet auf seinen Touren um die Welt flüchtige Reisebekanntschaften dazu, sich nackt der Natur auszuliefern — für die Kunst und zur Selbsterfahrung.
Wer suchet, der findet:Ruben Brulat - Kleine Körper in großen Landschaften

Ruben Brulat: "Frictions", 2009

Man muss sie regelrecht suchen, so klein sind die Menschen, und so umwerfend ist die Landschaft in den Fotografien von Ruben Brulat.

Die winzigen nackten Körper, die sich an Felsen oder in Wiesen schmiegen, sind leicht zu übersehen. Im Angesicht der Natur bin ich nichts, scheinen sie zu sagen. Das Erstaunliche ist: Ruben Brulat kennt diese Menschen kaum. Er trifft sie zufällig auf seinen Wanderungen. Seit 2011 fotografiert der Franzose unter dem Titel Paths Reisebekanntschaften, die spontan für ihn nackt posieren. Die Idee dazu hatte er vor vier Jahren in Island: Plötzlich habe er den Drang verspürt, sich nackt zwischen die Felsen zu legen, erzählt er. Das Gefühl dabei sei eine Mischung aus Adrenalinschub und Verletzbarkeit und so umwerfend, dass er es mit anderen teilen wolle.

Sein erstes Modell traf er in Patagonien, als er auf der Ruta 40 Richtung Anden trampte und eine alte Ente anhielt, in der ein spanischer Abenteurer namens Jorge saß. Tagelang fuhren sie durch die Gegend, bis Brulat sich zu fragen traute – Jorge machte mit. Kurz darauf begab sich Brulat mit Fotoausrüstung auf eine 14-monatige Reise von Europa nach Asien, fuhr durch den Irak, Afghanistan, Tibet bis in die Mongolei. Er wollte nichts forcieren, alles sollte sich wie von selbst fügen. Wenn er aber Menschen träfe, die bereit wären, sich der Natur und seiner Kamera auszuliefern, wenn die Landschaft großartig wäre und das Licht perfekt, dann und nur dann würde er fotografieren. Das Konzept ging auf: Brulats Bilder zeigen Nackte in der Wüste Gobi oder im Himalaya – Menschen, die mit der Landschaft zu verschmelzen scheinen ohne Hinweise auf ihren Status oder ihre Herkunft. Selbst im Iran, wo öffentliche Nacktheit ein Tabu ist, fand Brulat einen jungen Mann, der sich für ihn vor der Kamera auszog. Brulats Reise ist noch lange nicht zu Ende. Er will auch künftig mit der Kamera unbekanntes Terrain erkunden.

Steckbrief

Geboren: Avignon, 1988.

Wohnort: Heute hier, morgen dort.

Ausbildung: International Photography School Speos, Paris, einjähriges Studium

Initialzündung: Einst in island, ich wanderte allein in der Endlosigkeit, fühlte ich diesen Drang. Dann lag ich da auf diesem Felsen neben einem Berg – nackt. Alles fühlte sich anders an. Es war unerwartet, und es war und ist der Wahnsinn.

Höhepunkt: Diesen See in den Alpen zu finden, nachdem ich stundenlang gewandert war. Ich bin einen Abhang hinabgeklettert und habe mich in das gefrorene Wasser gelegt, zwischen umhertreibende Eisblöcke. Nach einer Weile löste sich die Zeit auf und meine Arme und Beine wurden taub, aber ich fühlte trotzdem alles. Es war eine überwältigende Mischung aus Macht und Verletzlichkeit.

Tiefpunkt: Ich habe mal Fotos verloren, die ich von Pfaden im Iran und in Laos gemacht hatte. Aber am Ende hat mich das nach Japan geführt, wo ich großartige Leute getroffen und tolle Fotos gemacht habe — also war es gut so.

Helden: Omar Khayyam.

Credo: Umarme und sei umarmt, dein nackter Körper und deine Sinne, der einfachste und natürlichste Weg.

Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Man lernt am besten aus eigenen Fehlern.

Warum Künstler, nicht Banker?: Sie lässt mich Gefühle erfahren, die ich auf keine andere Weise erleben kann.
http://rubenbrulat.com