Starter: Doreen Garner

Glitzer-Schock

Perlen und Pailetten, Warzen und Furunkeln: Mit ihren Objekten versetzt die US-Amerikanerin Doreen Garner das Publikum in Erstaunen und Ekel. Ihre Aufmerksamkeit gilt einem dunklen Kapitel der westlichen Medizingeschichte
Glitzer-Schock

Doreen Garner: "Vesico Vaginal Fistula", 2016, Silikon, Draht, synthetisches Haar

Krauses Kunsthaar, das aus Muffin-Förmchen quillt, Perlen und Pailletten, die wie Warzen aussehen, pralle Kondome, mit Nadeln bespickt und mit Glitzer bestäubt. Doreen Garners Objekte wirken trotz der Künstlichkeit der Materialien wie menschliche Organe – ein Spiel mit Klischees von Weiblichkeit.

Die Arbeiten der US-Künstlerin basieren auf einem dunklen Kapitel der Medizingeschichte. Während des Kolonialismus und bis in die fünfziger Jahre hinein erfuhren unzählige schwarze Frauen Ausbeutung und Misshandlung durch Ärzte und Forscher: als Versuchskaninchen, Ausstellungsobjekte, unfreiwillige Organspenderinnen – die versklavten Frauen, die der Arzt J. Marion Sims um 1845 in Alabama ohne Betäubung operierte (er gilt heute als Pionier der Gynäkologie); Sarah Baartman, die um 1810 wegen ihrer ausladend weiblichen Körperform als "Hottentotten-Venus" in sogenannten Freak Shows in London und Paris vorgeführt wurde; Henrietta Lacks, der ohne ihr Wissen Gewebeproben entnommen wurden, aus denen die erste potenziell unsterbliche Zelllinie kultiviert wurde (an den "HeLa-Zellen", die bis heute vermehrt und vermarktet werden, haben Ärzte und -Industrie Millionen Dollar verdient, Lacks’ Familie lebt jedoch in Armut).

Keine Angst vor Rot-Gelb-Blau
Erkennen Sie, für welche Produkte, diese Quadrate stehen? Rozbeh Asmani holt markenrechtlich 
geschützte Farben im Namen der Kunst zurück in die Palette der freien Gestaltung und Betrachtung.

Von der gewaltsamen Objektifizierung schwarzer Frauen lässt sich Garner inspirieren. Auf groteske Art verschmelzen Anatomie, Alchemie und Fetisch und bilden ein Spannungsfeld, dem man sich schwer entziehen kann. Das Innere wird nach außen gewandt, Öffnungen werden mit Werkzeugen durchdrungen, es baut sich ein Gefühl des Unwohlseins auf, gepaart mit Beschützerinstinkt. Präsentiert werden die mutierten Organe an schweren Eisenketten hängend oder auf Podesten liegend. Doch passiv sind sie nicht mehr. Die exzentrischen Gebilde schreien nach Aufmerksamkeit – und sie starren zurück.

Doreen Garner

Geboren: Philadelphia, PA, USA, 1986

Wohnort: Brooklyn, N.Y.

Ausbildung: BFA Tyler School of Art 2009, MFA Rhode Island School of Design 2014.

Initialzündung: Alles, was mir im Jahr 1996 passierte.

Höhepunkt: Der emotionale und informative Affekt, den meine Arbeit auf Betrachter hat.

Tiefpunkt: In meiner Karriere? Am Tag, bevor die Miete fällig wird, nur 300 Dollar auf dem Konto zu haben.

Helden: Meine Mutter, Karen Tate.

Ein rat, der ihnen geholfen hätte: Mach mehr.

Warum künstlerin? Es ist das Einzige, was ich kann/liebe.

 

Starter
Die Serie »Starter« präsentiert die besten Nachwuchskünstler im Kurzporträt