Starter: Rozbeh Asmani

Keine Angst vor Rot-Gelb-Blau

Erkennen Sie, für welche Produkte, diese Quadrate stehen? Rozbeh Asmani holt markenrechtlich 
geschützte Farben im Namen der Kunst zurück in die Palette der freien Gestaltung und Betrachtung.
Keine Angst vor Rot-Gelb-Blau

Rozbeh Asmani: "Colormarks", 2013 – 2015, digitaler C-Print auf Alu-Dibond, je 49 x 49 cm

Als er für seine Diplomarbeit eine Armee kleiner Schokoladenfiguren mit dem Bild einer lila gesprenkelten, verschleierten Frau umhüllen wollte, erlebte Rozbeh Asmani eine Überraschung: Die Druckerei eröffnete ihm, dass sie diesen Lilaton nicht auf Schokoladenpapier drucken dürfe – die Kombination sei markenrechtlich geschützt. Asmani begann zu recherchieren und fand heraus, dass es allein in Deutschland über 110 registrierte Farbmarken gibt, angefangen beim "Milka"-Lila über das Telekom-Magenta bis zum Himmelblau der Aral-Tankstellen. Oft sind es multinationale Unternehmen, die sich Farben oder Farbkombinationen in Verbindung mit einem Produkt oder einer Dienstleistung reservieren lassen. Für Asmani ist das eine neue Form der Kolonialisierung geistigen Eigentums.

Er beschloss, sich die Farbmarken im Namen der Kunst zurückzuholen, und schuf die abstrakte Bilderserie Colourmarks: Im Siebdruckverfahren stellte er Leinwandquadrate her, die nur das exakt nachgebildete Gelb der Langenscheidt-Lexika oder die Rot-Gelb-Blau- Kombination des Lidl-Logos in Form unterschiedlich dicker Farbstreifen zeigen (Letzteres ähnelt erstaunlicherweise der Farbfeldmalerei von Barnett Newman). Als Nächstes nahm er sich die beim Patent- und Markenamt hinterlegten Referenzbilder vor.

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Denn Firmen können sich Farben nicht "einfach so" schützen lassen – sie müssen nachweisen, so Asmani, dass ausreichend viele Testpersonen bei einer Farbe in Kombination mit einem Produkt automatisch an ihre Marke denken. Aus diesem Bildarchiv, in dem die Marken-namen und -logos verfremdet sind, schöpft Asmani die Motive seiner figurativen Siebdrucke: eine UPS-Uniform oder eine BP-Tankstelle, die arabische Schriftzeichen trägt. "Ich versuche, so wenig wie möglich zu gestalten", so der Künstler. Er will den industriellen Fertigungsprozessen so nah kommen, wie es geht.

Bei seiner Aneignung geschützter Farb-Form-Kombinationen ist auch viel Handwerk im Spiel: Asmani ließ ein Stück Zwieback in Bronze gießen, er setzte dem Standbodenbeutel der "Capri-Sonne" ein Denkmal in Neusilber, und er machte aus einer Chipstüte im Silikon-Abguss-Verfahren einen Ewigkeitswert. "Der Supermarkt ist mein Biotop", so Asmani, "da beginne ich meine Versuchsreihen." Wenn es stimmt, dass uns die Konsumwelt unsere Kindheit stiehlt, dann ist Asmani wohl unser Robin Hood.

Rozbeh Asmani

Geboren: Shiraz (Iran)/1983.

Wohnort: Köln.

Ausbildung: Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig; Kunsthochschule für Medien Köln.

Galerie: Galerie Werner Klein.

Initialzündung: "Kannst du mir auch so ein Bild malen?", fragte mich mein Freund Niko im Kindergarten, und ich malte ihm das gleiche Bild noch einmal.

Höhepunkt: 2015 als erster Künstler in das Junge Kolleg der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste berufen worden zu sein.

Tiefpunkt: Mein vergeblicher Versuch, als Künstler eine Farbmarke beim Deutschen Marken- und Patentamt anzumelden.

Helden: Frauen und Männer, die über Grenzen gehen.

Credo: "Nur unter Druck entsteht aus Kohle ein Diamant." Kohle ist aber auch ganz schön.

Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Auf den Rat warte ich noch.

Warum Künstler? Ein Kind stand in meiner Ausstellung vor den Colourmarks und sagte: "Mama, das mit den Farben kann ich auch." Daraufhin meinte Galerist Werner Klein zu den Eltern: "Darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen? Emil Schumacher hörte in einer Ausstellung eine Frau zu ihrem Mann verärgert sagen: ›Das kann unsere Tochter auch!‹ Sein Kommentar: ›Meinen Glückwunsch! Fördern Sie das Talent Ihrer Tochter. Sie kann damit in Zukunft viel Geld verdienen.‹"

 

 

Starter
Die Serie »Starter« präsentiert die besten Nachwuchskünstler im Kurzporträt