Starter: Paul Hutchinson

U-Bahn-Troparium

Der von Hip-Hop-Kultur und magischem Realismus inspirierte Berliner Fotograf Paul Hutchinson konfrontiert kitschige Regenwaldmalerei mit Bildern aus dem echten Berliner Großstadtdschungel.
U-Bahn-Troparium

T-Shirt mit Dschungel-Assoziationen: "Hyderabad", 2015, 50 x 70 cm

Berlin, Herrmannstraße: Hier ist Endstation, nicht nur für die von Dealern und Szenegängern gleichermaßen genutzte U-Bahn-Linie 8. Auf dem frisch renovierten Neuköllner Bahnhof, dessen einziges Highlight der Ein-Euro-Kaffee beim "Back-Baron" ist, mutet die zu beobachtende Lebenswirklichkeit nicht vergnügungssteuerpflichtig an. Möchtegern-Gangster machen beim Nachspielen von Ego-Shootern einen auf Mörder, Flaschensammler sammeln Flaschen und "wie man schwere Zeiten übersteht" erklären Zeugen Jehovas.

Und glaubt man dem jungen Berliner Fotokünstler Paul Hutchinson, der gleich um die Ecke wohnt, hat der Bahnhof obendrein ein Crack-Problem. Doch nicht etwa soziale Brüche haben ihn dazu inspiriert, diesen Ort zum Anlass seines aktuellen Buchprojekts "Wildlife Photography" zu machen, sondern der mißlungene Versuch ihrer Befriedung.

Verschönert wurde der Bahnhof zum Zwecke der Graffitibekämpfung mit Malereien, die die vom Aussterben bedrohte Fauna des tropischen Regenwaldes zeigen. Nach Meinung von Paul Hutchinson ein Fall, in dem sich "gut gemeint" ins Gegenteil von gut verkehrt und bei ihm böse Assoziationen weckt: "Der U-Bahnhof war jahrelang geschlossen und wurde erst 2014 wiedereröffnet. Als regelmäßiger Nutzer der BVG wurde ich dann gleich mit dieser Dschungelwelt konfrontiert. Ich fand das von Beginn an bemerkenswert, wenn man sieht, in welchem Kontext die Nachbarschaft steht. Ein Großteil der Menschen, die dort leben, ist nichtdeutscher Herkunft, auf der Straße hört man Arabisch, Türkisch und Romani. Ich möchte mit meinem Buch niemanden eine böse Absicht unterstellen, aber es ist schon interessant, wie aus gutem Willen so etwas entstanden ist und es scheint mir auch als Sinnbild für eine bestimmte Denkweise."

Weingummikunst
Die Gemälde von Grave Weaver sind nicht naiv, sondern treffen den Zeitgeist, der jungen Frauen so gerne unterstellt wird

Wie der von der globalen Hiphop-Kultur inspirierte Künstler in seinem Kreuzberger Hinterhof-Atelier erklärt, geht es ihm im Sinne eines magischen Realismus um das kunstvolle Spiel mit Absurditäten. So erinnern seine oft auf den ersten Blick abseitigen und unkonventionell fotografierten Motive an den besseren Teil der Neunzigerjahre-Magazinfotografie und man darf gespannt sein, wie er sich aus dem Windschatten seines Mentors Wolfgang Tillmans befreit. Das nächste Buchprojekt jedenfalls deutet weitere Transformationen an - es handelt von Schmetterlingen. 

Was er aus dem U-Bahnhof Herrmannstraße gemacht hätte? "Für eine alternative Gestaltung des U-Bahnhofs Herrmannstraße hätte ich Graffiti eigentlich ganz gut gefunden. Wer bestimmt, dass das nicht schön ist? Es gibt unglaublich gute Graffiti-Künstler, die hier leben - warum sollte man etwas wegdrücken, wenn es bereits in der Welt ist? Warum nicht damit arbeiten?" Das wäre ein Anfang.

Paul Hutchinson

Geboren: Berlin, 12.11.1987
Wohnort: Berlin
Ausbildung: Universität der Künste Berlin, Central Saint Martins College of Art and Design, London.
Initialzündung: Probieren, einen Baum zu zeichnen und dabei zu scheitern.
Höhepunkt: Wissen, dass man ehrlich zu sich sein kann, manchmal.
Tiefpunkt: Nicht wissen, was man sagen möchte, ob man etwas sagen kann.
Helden: Viele!
Credo: So let’s put on our classics and we’ll have a little dance, shall we? (The Streets).
Ein Rat, der ihnen geholfen hätte: Mit Zufällen arbeiten, nicht dagegen. Und – Schwarzfahren klappt nicht immer.
Warum Künstler? Ich mag das Bildermachen sehr gerne.

 

Starter
Die Serie »Starter« präsentiert die besten Nachwuchskünstler im Kurzporträt