Starter: Grace Weaver

Weingummikunst

Die Gemälde von Grave Weaver sind nicht naiv, sondern treffen den Zeitgeist, der jungen Frauen so gerne unterstellt wird.
Weingummikunst

Ein Mädchentag am Meer mit Liebeskummer oder Langeweile. Grace Weaver: "Getaway", 2015, 200 x 180 cm

Gegensätzen und Widersprüchen ist Grace Weaver zugeneigt. Verwirrung ist ein Antriebsmotor, und so sucht die junge New Yorker Malerin ihre Inspiration sowohl in Taylor Swifts Popmusik als auch in persischer Miniaturmalerei. Dazwischen drängen sich Verweise auf die Kunst des 20. Jahrhunderts: Otto Dix, Pierre Bonnard – aber es steckt mehr dahinter, als nur Referenzen.

Vertraut sieht es aus, wie die Protagonistin in "Getaway" auf ihr Handy starrt. Vielleicht ist sie dabei, ihren Ex zu stalken, während sie eigentlich am Strand zur Ruhe kommen wollte. Oder die Träne, die der Telefonierenden in long distance die Wange herunterkullert.

Weingummikunst

Grace Weaver wäre fast Biologin geworden und wird von der Galerie Soy Capitán in Berlin vertreten

Darum geht es: um Herzschmerz und Liebeskummer, an verbummelten Sonntagen im Park oder im Bett, das Smartphone zur Hand. Weavers Charaktere drücken ihre Melancholie ohne Pathos aus. Statt vielsagender Mimik werden Blicke aus Augenwinkeln geworfen, Dramatik wird dadurch auf eine ganz eigene Weise transportiert.

Die weingummiartigen Figuren scheinen mit Unsicherheit und Selbstzweifel zu ringen – zeitgenössische Emotionen der Generation Y und der Millennials. Jungen Frauen, die sich zu dieser Altersgruppe zählen, wird gern das sogenannte »Resting Bitch Face«, also Ausdruckslosigkeit mit einem Hauch von Trotz, zum Vorwurf gemacht. Weaver gelingt es, diese spezielle Mimik einzufangen. Sie ist besessen von Jugend und Mädchenhaftigkeit. Statt sich in Konzepten zu verlieren, die gleich nach der Vernissage die Wirkung verlieren, widmet sie sich dem, was ihr vertraut ist: dem Befinden ihrer Generation. So simpel dieser Ansatz ist, so komplex ist die juvenile Naivität, die aus den Bildern spricht. Sie sind so übertrieben und treffsicher süß und girly, dass es zur Konfrontation kommen muss.

Gerinnungsfaktor
Julia Gruner malt ohne Leinwand Dinge so lange auf die Wand, bis sie sich als Farbplastiken abnehmen lassen.

Grace Weaver

Geboren: Burlington, Vermont, 1989.

Wohnort: Brooklyn.

Ausbildung: Master of Fine Arts in Painting & Printmaking, Virginia Commonwealth University, 2015. Davor den Bachelor of Arts in Studio Art, University of Vermont, 2011.

Galerie: Soy Capitán, Berlin.

Initialzündung: Verwirrung.

Höhepunkt: Liegt noch in der Zukunft.

Tiefpunkt: Jedes Mal, wenn ein fertiges Gemälde mein Atelier verlässt.

Helden: Rose Wylie, Florine Stettheimer, Lee Krasner, Flannery O’Connor, Annie Proulx, Lydia Davis, Binny Debbie.

Ein Rat, der ihnen geholfen hätte: Mehr Auszeit vom Atelier nehmen.

Warum Künstlerin? Fast wäre ich Biologin geworden. Aber Kunst ist wie Forschung, bloß, dass Thema, Erfahrung und Publikum viel breiter gefächert sind.
 

Starter
Die Serie »Starter« präsentiert die besten Nachwuchskünstler im Kurzporträt