Starter: Julia Gruner

Gerinnungsfaktor

Julia Gruner malt ohne Leinwand Dinge so lange auf die Wand, bis sie sich als Farbplastiken abnehmen lassen.
Gerinnungsfaktor

Julia Gruner: "Das Randall", Acrylfarbe, 330 x 420 cm, Installationsansicht im Quartier am Hafen Köln, 2015

Auch Julia Gruner hat früher auf Leinwand gemalt, wie man das eben so macht. Sie hat ihre Acrylfarben in weißen Plastikschalen gemischt, und irgendwann waren diese zu einem kompakten Klotz geronnen, den man bequem in die Hand nehmen konnte.

"Acrylfarbe", sagt Gruner, "ist eigentlich flüssiger Kunststoff, sehr elastisch." Sie wunderte sich darüber, dass beinahe alle modernen Maler mit diesem Material arbeiten, ohne sich zu fragen, was sie da eigentlich benutzen.

Gerinnungsfaktor

Gruner studiert unter anderem an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Katharina Grosse

 

Sie beschloss, Dinge so lange in Schichten übereinanderzumalen, bis sich die Farbe wie eine Plastikplane von der Wand ziehen und neu aufhängen lässt: ein gelber Regenmantel, eine Plastiktüte oder, wie gerade im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, ein Vorhang, der Falten aus Farbe wirft.

An ihren Farbplastiken malt sie etwa eine Woche, mindestens acht Schichten braucht es für die notwendige Festigkeit. Tragen oder benutzen kann man die Dinge dann zwar nicht, aber als Bild, so Gruner, halten sie sehr gut. Es gibt wenige Künstler, die in ihren Arbeiten die Stofflichkeit der Farbe auf ähnlich einleuchtende Weise thematisieren. Am aufwendigsten war der Vorhang im Museum Kunstpalast: Der brauchte eine gewisse Schwerkraft, damit der gewünschte Faltenwurf ins Material kommt.

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Auch sonst neigt Gruner zu Plastik. Sie hat eine Performance mit Plexiglasplatten veranstaltet, die wie eine eckige Wasserpfütze auf dem Boden lagen. Und sie hat eine Hauswand mit einer bunten Kunststofffolie verkleidet, für die sie Mikroskopaufnahmen von getrockneter Farbe zu monumentaler Größe aufblies. Damit das Motiv wirkt, braucht es eine große Fläche, so Julia Gruner. "Also habe ich mir gedacht: Warum nicht gleich ein Haus."

Julia Gruner

Geboren: 1984 in Lüdenscheid.

Wohnort: Köln.

Ausbildung: Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Katharina Grosse, Bezalel Academy of Arts and Design, Jerusalem, Israel, und Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.

Initialzündung: Gab es nicht, viel gemalt und gezeichnet habe ich immer schon.

Höhepunkt: Wenn eine Arbeit fertig ist und funktioniert.

Tiefpunkt: Solange sie noch nicht funktioniert.

Helden: Ich lese sehr gerne Bücher über Theorien aus der Physik, zum Beispiel von Stephen Hawking oder Lisa Randall. Den Naturforscher Alexander von Humboldt finde ich faszinierend. Natürlich begeistern mich auch die Arbeiten vieler Künstler: James Turrell, Yayoi Kusama, Christo und Jeanne-Claude, Anish Kapoor oder Fischli und Weiss wegen ihres tollen Humors.

Credo: Mit unveränderlichen Credos kann ich nicht viel anfangen, weil man sich als Künstler schließlich damit beschäftigt, Regeln und Konventionen infrage zu stellen.

Ein Rat, der ihnen geholfen hätte: Weitermachen!

 

Starter
Die Serie »Starter« präsentiert die besten Nachwuchskünstler im Kurzporträt