Starter: Benjamin Appel

Dem Rechteck auf der Spur

Einst malte er fotorealistisch. Heute versucht Benjamin Appel alle inhaltlichen Bezüge 
aus seiner Kunst zu verbannen – und schafft dabei höchst sinnliche Gemälde und Installationen.
Dem Rechteck auf der Spur

Benjamin Appel: "Den Tisch in die Ecke stellen 22", 2016, Öl auf Leinwand, 60 x 50 cm

Hoppla, wer hat denn da den Türrahmen zugebaut? Warum balanciert die Wand auf dem Tisch? Und weshalb wurden die Sitzhocker so unsinnig in die Höhe gestapelt? Wenn Benjamin Appel sich Ausstellungsräume vornimmt, entstehen eigenwillige Installationen, bei denen Objekte und Architektur miteinander zu verwachsen scheinen. Dabei ist es vor allem eines, was den Künstler interessiert: das Rechteck. "Die moderne Welt ist eckig", sagt Appel. In der Architektur regiert der rechte Winkel, Bilder sind rechteckig – und darum geht es in seinen Gemälden und Skulpturen.

Als Benjamin Appel sein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe begann, malte er fotorealistisch, dann verzichtete er auf Figuren, schließlich eliminierte er alle gegenständlichen Motive; und zwar so radikal, dass sich nichts mehr assoziieren ließ. Farbe und Form sollten allein wirken. Appel vermeidet räumliche Wirkung, verzichtet auf grafische Effekte oder Schattierungen, die Tiefe simulieren könnten. Er setzt bis zu 150 Farbschichten übereinander, häufig verdeckt er während des Malprozesses Stellen auf der Leinwand, damit zufällige Konfrontationen der Bildpartien entstehen, auf die er reagieren kann.

Für seine Installationen nutzt Appel ausrangierte Tische, Hocker, Platten, Gestänge, ohne damit gesellschaftspolitische Aussagen treffen zu wollen. Es sollen keine Assoziationen befördert, sondern formale Fragen verhandelt werden. Das klingt bemüht, aber wenn man sich verabschiedet vom Wunsch nach einer inhaltlichen Dimension, entwickeln diese Arbeiten eine ganz besondere Schönheit. Das Gerümpel mutiert zu stillen, poetischen Skulpturen, bei denen alle Fragen verstummen.

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Appel findet bei seinen Installationen klare, schlichte Lösungen, in seiner Malerei ringt er nicht um die absolute Form. So setzt er sich von den Konkreten Künstlern früherer Generationen ab, die mathematische Formen und Farbrelationen durchdeklinierten. Appels Bilder entfalten enorme sinnliche Wirkung, sie scheinen zu keinem Abschluss zu kommen und lassen so erahnen, was Unendlichkeit bedeuten könnte.

Benjamin Appel

Geboren: 1.10.1978 in Augsburg.

Wohnort: Leipzig.

Ausbildung: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, bei den Professoren Gerd van Dülmen, Thomas Zipp und Daniel Roth, Meisterschüler bei Daniel Roth.

Galerie: ASPN, Leipzig.

Initialzündung: Einen Keller mit Beton zu füllen.

Höhepunkt: Der Dachboden.

Tiefpunkt: Der Keller.

Helden: Diejenigen, die Pfützen mit Wasser füllen.

Credo: Dass Treppen Wände und Böden sind.

Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Dass Wände Treppen ohne Böden sind.

Warum Kunst: Weil Böden Treppen ohne Wände sind.

Starter
Die Serie »Starter« präsentiert die besten Nachwuchskünstler im Kurzporträt