Starter: Thomas Taube

Rauschfreie Welt

In hochästhetischen Filmbildern löst der Medienkünstler Thomas Taube einzelne Aspekte aus der Komplexität der Welt heraus und fragt, wie Bilder unsere Realitätswahrnehmung beeinflussen
Rauschfreie Welt

Thomas Taube, Filmstill aus: "Narration", 2016

"At night you see what your soul wants to see." Der bärtige Mann, eine Mischung aus Hausmeister und irrem Einzelgänger, spricht mit sich und der Dunkelheit: Nachts siehst du, was deine Seele sehen will. Sein Blick geht ins Leere. Und doch kommt er uns während des 20-minütigen Films unangenehm nahe. Was ist die Nacht? Was macht sie mit uns? Wer lebt in ihr?
 

Der Leipziger Medienkünstler Thomas Taube hätte auch von seinen eigenen Nächten erzählen können. Stattdessen hat er in acht Städten von Kabul über Teheran bis Tokio Nachtwächter interviewen lassen. Die Bilder, die vor seinem inneren Auge entstanden, als er die Gespräche abtippte, bilden die Grundlage für "Dark Matters". Den Monolog, dem ein Schauspieler in einem spärlich mit Fernseher und Zimmerpflanze ausgestatteten Raum seine Stimme verleiht, generierte Taube aus den Interviewfragmenten. In seinen Filmen hinterfragt er Alltägliches, uns scheinbar gut Vertrautes. Und reflektiert dabei stets auch das Medium, wie Bilder entstehen und unsere Wahrnehmung von Realität beeinflussen. "Ich will die Welt von dem Rauschen freiräumen, das uns umgibt."
 

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Filmische Qualität ist dabei wichtig. Taube dreht bewusst nicht mit wackeliger Handkamera. Seine hochaufgelösten Bilder ziehen direkt hinein ins Geschehen, dem man die sorgfältige Konzeption anmerkt. Einzelne Aspekte löst er aus der Komplexität der Welt heraus und dekliniert sie durch – bis ins kleinste Detail.
Zuletzt realisierte er "Narration", eine Installation aus sechs parallel laufenden Filmsequenzen, die fragen, wie wir erzählen: Ein Mann redet im Stimmengewirr eines Sektempfangs, nebenan streift ein Paar schweigend durch ein Kornfeld, in einem Kinosaal bereitet ein Kamerateam die nächste Szene vor. Darin sollte Ulrich Matthes die Hauptrolle spielen. Taube schrieb dem Schauspieler und gewann ihn für das Projekt.

Taube ist Autor und Regisseur, wirbt Fördermittel ein, arbeitet mit einem kleinen Team. Das Drehbuch existiert nur in seinem Kopf, die ersten Takes sind die Skizzen, an denen er sich abarbeitet. Gerade dreht er in New York, wo er ein Stipendium hat. Eine Straße in Brooklyn wird nun zum Protagonisten, dazu eine Frau, ein Hund, ein Vogelschwarm, ein Kochtopf und der Wind. Erstmals wird er zu diesem Projekt auch Skizzen und Vorüberlegungen ausstellen – und so die Frage, wie Bilder entstehen, zurückspielen an uns Betrachter, die wir versucht sind, auch eine künstlerische Arbeit als realer wahrzunehmen, wenn sie im Gewand des Filmischen daherkommt.

Thomas Taube

Geboren: 1984 in München.
Wohnort: Leipzig.
Galerie: Reiter, Leipzig/Berlin.
Ausbildung: Studium bei Clemens von Wedemeyer und Candice Breitz.
Initialzündung: Ein Penner, der mir beim Laufen zurief, dass ich laufen soll, solange ich noch kann. Okay, das versuche ich.
Höhepunkt: Die Imagination.
Tiefpunkt: Die Realität.
Helden: Samuel, Alfred und Andrei.
Credo: Machen! Nachdenken. Machen!
Ein Rat, der Ihnen geholfen hätte: Immer groß denken!
Warum Künstler? Freiheit (gerade weil es megaplakativ klingt).

Starter
Die Serie »Starter« präsentiert die besten Nachwuchskünstler im Kurzporträt