Starter: Judith Egger

Unkontrollierbare Naturkräfte

Kann die Wissenschaft die Natur jemals komplett erforschen? Die Münchner Künstlerin Judith Egger glaubt nicht daran. Mit ihren Arbeiten versucht sie zu beweisen, dass der Mensch dafür zu schwach ist
Unkontrollierbare Naturkräfte

Judith Egger: "Eingriff/Invasion", 2001-2002

Kann der Mensch die Natur beherrschen? Die Münchner Künstlerin Judith Eggers hält das für unmöglich – im Gegensatz zu ihrer naturwissenschaftlich orientierten Verwandtschaft: der Ururgroßvater Paläontologe, der Vater Meteorologe, die Schwester Biophysikerin. Eggers konzen­triert sich in ihren Performances, Installationen und Objekten auf die unkontrollierbaren Kräfte der Natur.

Sie widmet sich dabei besonders den Naturerscheinungen, die andere als eher abstoßend oder bedrohlich empfinden: Da krabbelt und kriecht, platzt und quillt es, oftmals begleitet von Lichtinszenierungen und Klängen. Bei der frühen Arbeit "Eingriff/Invasion" von 2001/02 etwa ließ sich die Künstlerin bei der Operation einer Litschi filmen: Immer näher rückt die Kamera an die junge Frau in Arztkittel, mit Mundschutz und Handschuhen, die eine Frucht wie einen lebendigen Organismus narkotisiert, der Schale mit dem Skalpell einen Schnitt versetzt. Feucht quillt das Fruchtfleisch heraus, endlich wird der Kern wie ein Geschwür mithilfe einer Pinzette herausgelöst – Operation gelungen. Es bleibt das ungute Gefühl zurück, dass es die Menschheit möglicherweise übertreibt mit ihrem Optimierungswahn.

Weißes Strahlen
Wie ein UFO aus einer anderen Welt steht der leuchtende Kubus da. Und doch verbreitet er ein heimeliges Gefühl. Timo Klöppel baut aus weiß getönten Altbaufenstern Räume, aus denen man gar nicht mehr heraustreten will.

"White unknown entity" (2012), also "Weißes unbekanntes Wesen", nennt Judith Egger eine weitere Inszenierung, diesmal in einer japanischen Sake-Fabrik. Sie selbst ist in die Rolle der weißen, amöbenartigen Erscheinung aus Stoff, Schläuchen und Latex geschlüpft, ein schöner Fremdkörper, aber auch irritierend: Wo ist vorne, wo hinten bei diesem Wesen, wohin bewegt es sich? Brütet es etwas aus und wenn ja, was, und platzt der Kokon womöglich gleich? Das Wesen in ihm könnte ja über unbändige Kräfte verfügen. Judith Egger sagt dazu: "Noch niemand hat diese Amöbe klassifiziert. Unserem Wissen entzieht sich, was in ihr steckt und in welches Urtier sie sich verwandeln wird."

Die Künstlerin steht der Wissenschaft skeptisch gegenüber. Sie hält die Natur für stark, unberechenbar und wissenschaftlich nicht voll erforschbar. Das vermitteln auch ihre Arbeiten, die den Betrachter irgendwo zwischen Verängstigung und Beunruhigung zurücklassen.

Geboren: 16.2.1973.

Wohnort: München.

Initialzündung: Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen war ein kreativer Ausbruch mit Schlamm an der Hauswand – damals mit Holzstäben als Pinselersatz.

Ausbildung: Holzbildhauerin, Master of Arts am Royal College of Art, London.

Website: www.judithegger.com

Höhepunkt: Im Amöbenkostüm für eine Performance durch eine stillgelegte Sake-Fabrik in Japan zu robben.

Tiefpunkt: Jedes Mal wieder – das schwarze Loch nach dem Abschluss größerer Ausstellungsprojekte.

Helden: Die Reisepionierin Alexandra David-Néel wegen ihrer kompromisslosen Neugierde – und John Cleese, weil er mich an etwas Lebenswichtiges erinnert, an Humor.

Credo: Nicht lange planen, machen!

Ein Rat, der geholfen hätte: Finger weg von billigen Rahmen!

Warum Künstler: Sicherer Beruf auf Lebenszeit.

Starter
Die Serie »Starter« präsentiert die besten Nachwuchskünstler im Kurzporträt