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Malen als Ausweg

Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse hat neben seiner schriftstellerischen Arbeit auch gemalt, gezeichnet und ein umfangreiches Oeuvre hinterlassen. Der vorliegende Bildband zeigt Werke aus dem Nachlass
Nostalgiekick:Aquarellen und Zeichnungen des Nobelpreisträgers

Für Hermann Hesse war Malen : "Monte Boglia im Schnee", 1933, Aquarell Fondazione Hermann Hesse Montagnola, Depositum Privatsammlung © Hermann Hesse-Editionsarchiv Volker Michels, Offenbach am Main

Was ist drin?

Der Bildband, der eine Ausstellung im Kunsthaus Stade (weitere Stationen siehe unten) begleitet, stellt Aquarelle und Zeichnungen des großen Schriftstellers Hermann Hesse vor.

Was Hesse 1917 sozusagen als therapeutische Maßnahme begann, gefiel ihm so sehr, dass er es mit den Jahren bis zur Perfektion trieb und in der lieblichen Landschaft seiner Wahlheimat Tessin immer wieder neue Motive fand. Die in dem Band präsentierten Arbeiten stammen aus dem Nachlass seines zweitältesten Sohns Heiner (1909 bis 2003).

Was ist die These?

Malen ist Meditation. Hermann Hesse an Felix Braun: "Aus der Trübsal, die oft unerträglich wurde, fand ich einen Ausweg für mich, indem ich, was ich nie im Leben getrieben hatte, anfing zu zeichnen und zu malen." (7. Juni 1917)

Die schönste Seite?

Die Wahl fällt schwer, vielleicht die Seite 117, die ein Bild (Kreide und Aquarell) der Casa Camuzzi in Montagnola zeigt, eines schlossartigen Wohnhauses in historisierendem Stil, im Garten mediterrane Palmen. Hier lebte Hesse von 1919 bis 1931 in zwei kargen Zimmern nach der Trennung von seiner ersten Frau Maria Benoulli.

Der Autor

Als Hermann Hesse 1916 im Alter von 29 Jahren in eine psychische Krise gerät und Hilfe bei dem Psychoanalytiker Josef Bernhard Lang findet, ist er schon ein anerkannter Schriftsteller – die Veröffentlichung seiner Erzählung "Peter Camenzind" war ein großer Erfolg. Auf Anraten seines Analytikers, einem Schüler C. G. Jungs, beginnt Hesse, verschiedene Mal- und Zeichentechniken auszuprobieren. 1917 folgen Malausflüge im Tessin mit den Malern Gustav Gamper und Ernst Kreidolf bei Locarno. Nach der Trennung von seiner ersten Frau, Maria Bernoulli, 1919, siedelt Hesse von Bern nach Montagnola im Tessin über. Hier wohnt er in der oft von ihm gemalten Casa Camuzzi. 1920 hat er eine erste Aquarellausstellung in der Basler Kunsthalle. Bis 1928 verbringt Hesse nach wie vor viel Zeit in der Natur beim Malen und Zeichnen, es entstehen auch feine Federzeichnungen. 1931 zieht er innerhalb Montagnolas mit seiner dritten Ehefrau, der Kunsthistorikerin Ninon Dolbin, in die ebenfalls mehrfach von ihm abgebildete Casa Rossa; in dieser Zeit widmet sich Hesse nun Gedicht- und Briefillustrationen. Die Casa Rossa ist auch Anlaufpunkt für viele Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland, die Hesse und seine Frau tatkräftig unterstützen. Nach Erscheinen seines Alterswerks, "Das Glasperlenspiel", 1943 in der Schweiz, erhält Hesse 1946 den Literaturnobelpreis, 1955 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 1962 stirbt er 85-jährig an einem Hirnschlag.

Das Zitat

"Hermann Hesse ist durch seine Werke 'Siddhartha' und 'Der Steppenwolf' weltberühmt geworden, 1946 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er ist und bleibt vorrangig ein außergewöhnlicher Schriftsteller. Er verfasste zahlreiche Erzählungen, Gedichte und etwa 40 000 Briefe. Dazu kommen die rund 2500 Bilder, die sich kunsthistorisch nur schwer einordnen lassen." (Ina Hildburg)

Wer braucht das?

Alle, die sich beim Blättern durch die Aquarelle und Zeichnungen noch mal erinnern wollen an ihre leidenschaftliche Lektüre von Hesses Romanen und Erzählungen, die damals eine Offenbarung waren.

Das gefällt

Die chronologische Anordnung der Zeichnungen und Aquarelle lässt erkennen, wie der Autodidakt Hesse, der zunächst mit verschiedenen Techniken experimentiert, seine künstlerischen Fertigkeiten langsam perfektioniert. Sehr interessant auch der Text von Regina Bucher über die Beziehung Hermann Hesses zu seinem Sohn Heiner.

Was ätzt die Kritikerin?

Ein paar Hesse-Zitate würden daran erinnern, dass der Maler und Zeichner vor allem Schriftsteller war.

Coffee-table-Faktor

4 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände")

Ein sehr dekorativer Bildband mit einem der schönsten Aquarelle als Einbandmotiv – auf dem Beistelltischchen erinnert es einen daran, dass man mal wieder ins Tessin reisen sollte, am besten gleich nach Montagnola, um dem Hesse-Museum einen Besuch abzustatten.

Gewicht

1000 Gramm.

Die Ausstellung im Kunsthaus Stade läuft noch bis zum 11. Mai. Weitere Stationen: August-Macke-Haus Bonn, 28. Mai bis 14. September 2014; Kunsthalle Vogelmann – Städtische Museen Heilbronn, 18. Oktober 2014 bis 11. Januar 2015; Kunstsammlungen Zwickau – Max-Pechstein-Museum, 7. Februar bis 3. Mai 2015

Hermann Hesse: Mit Feder und Farbe. Werke aus dem Nachlass Heiner Hesse

Hrsg.: Regina Bucher, Museum Hermann Hesse Montagnola, Ina Hildburg, Sebastian Möllers, Kunsthaus Stade, Andreas Schäfer, Hansestadt Stade. Texte von Regina Bucher, Silver Hesse, Ina Hildburg, Volker Michels. Hatje Cantz Verlag, 176 Seiten, 181 Abb., 24,80 Euro
http://www.hatjecantz.de/hermann-hesse-mit-feder-und-farbe-5853-0.html