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Nicht ohne ein Skizzenbuch

Was Edgar Degas auch unternahm, ob er zum Kopieren in den Louvre ging, Ausflüge aufs Land unternahm oder mit Malerfreunden durch die Pariser Szene zog, sein Skizzenbuch hatte er immer dabei. Ein bibliophil gestaltetes Buch fasst nun die schönsten Blätter aus seinen vielen Skizzenbüchern zusammen.
Nicht ohne sein Skizzenbuch:die schönsten Skizzen von Edgar Degas

Edgar Degas: Heft 1, Seite 185 (Beim Ball)

Was ist drin?

Wie ein Schriftsteller sein Notizbuch hatte der Maler und Bildhauer Edgar Degas (1834 bis 1917) stets ein Skizzenbuch dabei, indem er selbst bei nächtlichen Streifzügen durch Paris flüchtige Impressionen festhielt, die er für spätere Arbeiten möglicherweise verwenden konnte.

In den Jahren von 1853 bis 1886 entstanden auf diese Weise mindestens 38 Skizzenbücher, von denen 29 in der Pariser Bibliothèque nationale de France verwahrt werden. Der spontanen Abfolge der "Carnets" entsprechend, liefert der vorliegenden Band Skizzen unterschiedlichster Sujets nebeneinander: Bewegungs- und Körperstudien von Menschen, Kopien Alter Meister wie Giorgione, Bronzino oder Raffael oder – und das ist neu zu entdecken, da diese Motive nie als Gemälde realisiert wurden – viele Landschaftsstudien.

Was ist die These?

Die visuellen Tagebücher Edgar Degas’ geben Einblick in Inspirationsquellen und Entstehungsprozesse des eigensinnigen Impressionisten.

Die schönste Seite?

Es gibt in diesem Band viele "schönste Seiten", eine ist Seite 129, die das Aquarell einer Landschaft in erdigen Tönen mit leuchtend gelben Farbakzenten zeigt: "Blick auf Neapel vom Kloster San Martino aus mit der Majolika-Kuppel von Santa Maria della Sanità".

Der Autor

Edgar Degas, 1834 als Hilaire Germain Edgar de Gas in Paris geboren, war Maler und Bildhauer und schon zu Lebzeiten für seine Pastellgemälde von Tänzerinnen im Spitzentutu berühmt. Degas stammte aus großbürgerlichen Verhältnissen, studierte auf Wunsch des Vaters kurzzeitig Jura, nahm dann ein Kunststudium auf, unter anderem beim Ingres-Schüler Louis Lamothe und an der École des Beaux Arts. In Paris stellte er zusammen mit den Impressionisten aus, pflegt unter anderen Kontakt zu Cézanne, Renoir und Édouard Manet. Zu seinen bevorzugten Sujets gehören neben Balletttänzerinnen auf der Bühne und hinter den Kulissen Szenen aus dem Pariser Nachtleben, Pferderennen und Frauen, die beispielsweise als Modistin, Wäscherin oder Prostituierte ihr Geld verdienen. Degas’ Bilder mit ihrer klaren Linienführung und deutlich strukturierten Komposition lassen seine Passion fürs Zeichnen und seine Begeisterung für Fotografie klar erkennen. Sein letztes Skizzenbuch datiert aus dem Jahr 1886. Monique Moulène von der Bibliothèque nationale vermutet, dass ein Grund dafür Degas’ nachlassende Sehkraft gewesen sein könnte oder auch, "weil er, der sich immer mehr zum Misanthropen entwickelt, über die Gesellschaft, von der er sich nunmehr fernhält, nichts mehr zu notieren hat".

Das Zitat

"Je weiter sie blättert, desto mehr kommt es ihr so vor, als würden diese Notizhefte das Vorzimmer zu seinem Werk darstellen. Als seien sie die Notizheft eines Degas vor dem eigentlichen Degas. (...) Sie wundert sich, nur so wenige von seinen bevorzugten ,Sujets’ wiederzufinden, und staunt immer wieder, lauter Landschaften zu entdecken. Bäume. Ansichten. Fassaden und Dächer von Paris. Von welchem Fenster aus gesehen (S. 87)? Er muss sie doch noch, bevor er merkte, dass sein Augenlicht nachließ, auf diesen Seiten festgehalten haben. (aus dem literarischen Porträt aus der Sicht von Degas’ Haushälterin Zoé von Pascal Bonafoux)

Wer braucht das?

Wer Skizzen oft mehr abgewinnen kann als den später entstandenen Gemälden selbst, den wird das Buch begeistern – Degas-Fans sowieso.

Das gefällt

Einband und Haptik des beim Blättern weich wirkenden Papiers suggerieren, dass es sich tatsächlich um ein privates Skizzenbuch handelt. Informativ sind die einführende Texte von Monique Moulène und Pascal Bonafoux, die fast zwei Drittel des Bands einnehmen.

Was ätzt die Kritikerin?

Das literarische Porträt von Pascal Bonafoux hält sich zwar an die Daten und Fakten aus Degas’ Lebenslauf, wirkt aber vielleicht gerade deshalb eher konstruiert.

Coffee-table-Faktor

3 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände") Mit und ohne Schutzumschlag (darunter buntes Marmorpapier) hübsch anzusehen; handlich, wie es sich für ein Skizzenbuch gehört, aber sehr dekorativ.

Gewicht

800 Gramm.



Edgar Degas: Skizzenbücher. Schirmer/Mosel Verlag. Mit einem Text von Pascal Bonafoux und einem Vorwort von Monique Moulène. 160 Seiten, 80 Farbtafeln, 39,80 Euro

Edgar Degas: "Skizzenbücher"

Mit einem Text von Pascal Bonafoux und einem Vorwort von Monique Moulène 160 Seiten, 80 Farbtafeln
ISBN 978-3-8296-0650-9
€ 39.80, (A) € 41.-, CHF 52.90


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