Shomei Tomatsu - Bookmarks

Das klebrige Erbe

Über 20 Jahre lang dokumentierte der japanische Fotograf Shomei Tomatsu, wie die US-amerikanische Besatzung die Gesellschaft und Kultur Japans veränderte. Mit "Chewing Gum and Chocolate" wird das Projekt nun erstmals in Buchform veröffentlicht.
Klebriges Erbe:"Chewing Gum and Chocolate" von Shomei Tomatsu

Sinnbild für den amerikanischen Einfluss in Japan: Shomei Tomatsus "Yokosuka", 1959

Was ist drin?

Eine bisher in Teilen unveröffentlichte Werkgruppe des japanischen Fotografen Shomei Tomatsu (1930 bis 2012).

Zunächst als "Occupation" (Besatzung) betitelt, benannte Tomatsu das Projekt später in "Chewing Gum and Chocolate" (Kaugummi und Schokolade) um – eben die Süßigkeiten, die amerikanische Besatzungstruppen an japanische Kinder verteilten. Es blieb das einzige von Tomatsus größeren Projekten, das nicht in Buchform veröffentlicht wurde. Bis jetzt. Der neue Band versammelt 125 Schwarzweißfotografien, die den Einfluss der amerikanischen Besatzung auf die Gesellschaft und Kultur Japans dokumentieren. Von den späten fünfziger Jahren bis in die frühen achtziger Jahre besuchte Tomatsu hierfür immer wieder Städte wie Iwakuni, Yokosuka oder Kadena, die an US-Militärstützpunkte grenzten. Auch nach Abzug der Truppen blieb Amerika auf japanischem Grund stets präsent – als Erbe hinterließen die Soldaten einen Teil ihrer westlichen Lebensart, samt der Sucht nach Kaugummi und anderen Ikonen der amerikanischen Konsumkultur.

Die These?

An traditioneller japanischer Kleidung hängen englischsprachige Preisschilder, Neon-Reklamen säumen die Straßen, ein Cadillac parkt vor einer Bar, leere Coca-Cola-Flaschen liegen vor einem Geschäft – der American Way of Life hielt unwiderruflich Einzug in Japans Stadtbilder, seine Gesellschaft, seine Kultur, er ist unübersehbar und klebrig, und er veränderte das Land nachhaltig, sowohl positiv als auch negativ: "... selbst wenn diesem Einzug viel zu verdanken war, vieles war durch ihn auch verloren gegangen und Gewinn und Verlust waren tatsächlich nicht voneinander zu trennen", schreibt Leo Rubinfien, Mitherausgeber des Bildbandes.

Schönste Seite?

Seite 42 bis 43: Im unscharfen Vordergrund scheint ein japanisches Mädchen eine riesige Kaugummiblase zu machen (es könnte aber auch ein durchsichtiger Plastikbeutel sein); links von ihr, im Hintergrund, sind Neon-Reklamen mehrerer Bars und Clubs zu sehen, vor denen ein Mitglied der US-Marines steht. Lediglich eine vergleichsweise unscheinbare Tafel mit japanischen Schriftzeichen, rechts von dem Mädchen, lässt darauf schließen, dass dieses Foto in Japan entstanden sein könnte.

Der Autor:

Shomei Tomatsu, 1930 in der Hafenstadt Nagoya geboren, begann erst in den frühen fünfziger Jahren, kurz bevor die amerikanischen Truppen Japan verließen, zu fotografieren. Sein Werk zeugt damit nicht direkt vom Krieg, sondern von seinen Konsequenzen – besonders auf der Straße, auf Augenhöhe der Zivilgesellschaft. Tomatsus Blick auf das Nachkriegsjapan ist subjektiv, detailfokussiert und losgelöst von journalistischen Zwängen. Seine Herangehensweise machte ihn nicht nur zu einem der wichtigsten japanischen Fotografen des 20. Jahrhunderts, auch prägte sie das Bild des Nachkriegsjapans.

Wer braucht das?

Tomatsu-Fans, Street-Photography-Fans und Geschichtsinteressierte.

Das gefällt:

Tomatsu spielt in seinen Schwarzweißfotografien mit körniger Schärfe und Unschärfe, harten Kontrasten und manchmal auch mit Unter- und Überbelichtungen. Die abgelichteten Personen wirken nicht positioniert oder angeleitet – sie scheinen in der Bewegung fotografiert worden zu sein; sie hatten keine Zeit darüber nachzudenken, dass sie fotografiert werden. Das Layout des Bandes gewinnt durch das Nebeneinander verschiedenster Bildgrößen eine besondere Dynamik.

Das ätzt der Kritiker:

Diesmal gibt es nichts zu beanstanden.

Coffee-table-Faktor:

4 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"). Definitiv zu groß für unterwegs. Dieser Band gehört auf den Tisch.

Gewicht:

1,65 kg.

Shomei Tomatsu – Chewing Gum and Chocolate

Herausgeber: John Junkerman & Leo Rubinfien

Erschienen im Kehrer Verlag, Heidelberg, 224 Seiten, 49,90 Euro
http://www.artbooksheidelberg.de/html/detail/de/shomei-tomatsu-978-3-86828-498-0.html