Francesca Woodman - Bookmarks

Selbstvergewisserung mit der Kamera

Mit 13 Jahren entstanden ihre ersten Fotoarbeiten, mit 22 sprang sie von einem New Yorker Hochhaus in den Tod. Erst fünf Jahre später, 1986, wurde Francesca Woodman durch eine Retrospektive in den USA in kürzester Zeit bekannt. Der vorliegende Katalog, der eine Ausstellung in der Wiener Sammlung Verbund begleitet, zeigt Fotos aus dem faszinierenden Werk der frühreifen Künstlerin.
Späte Entdeckung:die erste deutsche Monographie von Francesca Woodman

Titelbild der Monographie von Francesca Woodman: "Self deceit #1", Rome, Italy, 1978/1979 Schwarz-Weiß-Silbergelatineabzug auf Barytpapier

Was ist drin?

Der Katalog, nebenbei bemerkt die erste deutschsprachige Monografie über Francesca Woodman, zeigt rund 80 ihrer Werke aus dem Besitz der Sammlung Verbund, die chronologisch und dem Entstehungsort entsprechend zu Werkgruppen zusammengefasst sind.

Es handelt sich ausschließlich um Schwarzweißfotos, alle in den Siebzigern beziehungsweise Anfang der Achtziger entstanden, und doch geben die Bilder – meist Selbstporträts – keine Hinweise auf diese Zeit, erinnern mit ihren surrealistischen Inszenierungen eher an Arbeiten der Ära Man Rays. In wieder anderen Fotos macht Woodman Anleihen bei Klassikern der Kunstgeschichte, stellt zum Beispiel die Venus von Botticelli nach oder "erzählt den Mythos ,Samson und Delilah’, dessen Geliebte ihn verrät, ihm die Haare abschneidet und ihn damit der Kraft beraubt", wie Gabriele Schor in ihrem Essay zum Aspekt Requisiten als Metaphorik im Katalog schreibt.

Was ist die These?

Die Fotos von Francesca Woodman mit ihren oft morbide wirkenden Settings sind mehr als die Chronik eines sich ankündigenden Freitods. Es gibt auch eine andere Lesart: die (Selbst-)Inszenierung als trotzige Geste gegen das Ins-Abseits-Gedrängt- und Ausgelöscht-Werdens der Frau.

Die schönste Seite?

Seite 169: Ein Torso-Selbstporträt im Stil eines Tableau vivant mit auf dem rechten Unterarm gehaltener Riesenmuschel (ohne Titel, Providence, Rhode Island, 1976) – eine Anleihe bei Sandro Botticellis "Die Geburt der Venus" (1486).

Die Autoren

Francesca Woodman, geboren 1958 in Denver, Colorado, hinterließ trotz ihres frühen Tods 1981 ein umfangreiches Werk von rund 8000 Arbeiten, mehreren Künstlerbüchern und Tausenden Negativen. Ihre ersten Fotoarbeiten entstanden im Alter von 13 Jahren; von 1975 bis 1979 studierte sie an der Rhode Island School of Design (RISD), wobei sie 1977/78 mit einem RISD-Stipendium in Rom verbrachte. 2012 würdigte das Solomon R. Guggenheim Museum in New York ihr Werk mit einer Ausstellung. Die Herausgeberinnen sind Gabriele Schor, geboren 1961 in Wien, und Elisabeth Bronfen, geboren 1958 in München. Schor leitet seit 2004 die Sammlung Verbund in Wien, Bronfen ist Professorin für Anglistik an der Universität Zürich und hat zahlreiche Texte in Bereichen wie Gender Studies, Psychoanalyse und Kulturwissenschaften veröffentlicht, unter anderem "Das verknotete Subjekt. Unbehagen in der Hysterie" (1998) oder "Hollywoods Kriege. Geschichte einer Heimsuchung" (2013).

Das Zitat

Ist ihr Werk wirklich narzisstisch, geht es wirklich um Selbstdarstellung? Ja, Francesca hatte einen Schuss Narzissmus in sich (nebst einem gemeinen Schuss Eitelkeit, möchte ich hinzufügen); wie viele Künstler oder Schriftsteller haben das nicht, wenigstens einen Schuss? Wieder aber war es ein Quell von Konflikten. Francesca schämte sich, weil sie so viele Bilder von sich selbst machte, und war irritiert über das vereinfachende Etikett Selbstporträt, das man ihrer Arbeit anheftete. Immer wieder versuchte sie es mit Modellen (und wiederum: manchmal funktionierte es und manchmal nicht), aber in Wirklichkeit war sie selbst ihr bestes Modell, weil sie allein wusste, was sie wollte. Und, wie sie selbst als Erste sagte, sie war die Einzige, die immer verfügbar war. (Betsy Berne: Um die Wahrheit zu sagen)

Wer braucht das?

Fans von Claude Cahun oder Man Ray werden auch von Francesca Woodman begeistert sein.

Das gefällt

Schön, dass die höchst lesenswerten Essays des Bands abgerundet werden durch einen sehr persönlichen Text der Schriftstellerin Betsy Berne, einer ehemaligen Freundin von Francesca Woodman.

Was ätzt die Kritikerin?

Die "Achtung, Feminismus!"-Farbe Latzhosenlila, die für den Namen der Fotografin auf der Vorderseite und auf dem Rücken des Covers gewählt wurde, wäre nicht unbedingt nötig gewesen, das Werk der Künstlerin spricht für sich.

Coffee-table-Faktor

4 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände")
Der voluminöse Band ist auf jeden Fall ein Blickfang: Den Umschlag ziert das Self deceit #1, aufgenommen während Woodmans einjährigem Rom-Aufenthalt 1977/78. Eine nackte, auf dem ebenso nackten Betonboden liegende Frau schaut hinter einer Wand hervor in einen Spiegel. Die schrundige Wand mit dem bröckelnden Putz kontrastiert mit dem leicht verschwommen-weichem Frauenkörper. Das Foto ist nicht nur dekorativ, sondern repräsentativ für die in dem Band enthaltenen Arbeiten der Künstlerin.

Gewicht

2100 Gramm.

Gabriele Schor und Elisabeth Bronfen (Hrsg.): Francesca Woodman, Verlag der Buchhandlung Walther König, 304 Seiten, mit Essays von Betsy Berne, Elisabeth Bronfen, Johannes Binotto, Gabriele Schor, Abigail Solomon-Godeau und Beate Söntgen, zirka 193 Abb. 48 Euro

Francesca Woodman

Ausstellung: noch bis zum 21. Mai in der Sammlung Verbund, Wien
http://www.verbund.com/kt/de/programm/ausstellungen/vertikale-galerie/woodman-wien