Peter Bialobrzeski - Bookmarks

Städte ohne Eigenschaften

Mit dem Fotoband "Nail Houses or the Destruction of Lower Shanghai" legt Peter Bialobrzeski den letzten Teil seiner Trilogie "Habitat" vor. "Nail Houses", also "Nagelhäuser", nennt man in China die dem Abriss geweihten, oft baufälligen Häuser, deren Besitzer sich aber standhaft weigern auszuziehen. Von seinen Chinareisen hat Bialobrzeski beeindruckende Fotos mitgebracht.
Bevor der Abrissbagger kommt:dem Abriss geweihte Häuser in China

Peter Bialobrzeski: "Nail House #59", 2013

Was ist drin?

In der Megacity Shanghai mit ihren – je nach Art der Zählung – 15 bis 23 Millionen Einwohnern hat Peter Bialobrzeski sogenannte Nail Houses fotografiert.

Zwischen modernen Hochhäusern stehen die kleinen, meist baufälligen Hütten, dessen Bewohner nicht für ein weiteres Hochhaus weichen wollen. Alle Fotos sind in der Dämmerung entstanden, und erst die künstlichen Lichtquellen im Inneren der Häuser lassen überhaupt erkennen, dass hier noch Menschen leben. Dieses besondere Zwielicht verleiht den Fotos eine besondere und poetisch wirkende Atmosphäre.

Was ist die These?

"Entstehen zwischen Abriss und Neubau Orte ohne chinesische Identität, ,Städte ohne Eigenschaften’?, fragt Stefanie Gommel. Nachdem man Bialobrzeskis Fotos gesehen hat, kann man die Frage nur mit Ja beantworten. Und tatsächlich wehren sich auch immer mehr Hausbesitzer gegen Abriss und Enteignung und kämpfen für ihr angestammtes Zuhause, das sie als ihre Heimat empfinden.

Die schönste Seite?

Seite 58/59: Zu sehen sind einstöckige Nail Houses, teils mit holzverkleideten Fassaden, die Bewohner sitzen vor ihren Häusern auf der Straße, es gibt kleine Läden – eine dörflich wirkende Idylle, umgeben von modernen, großstädtischen Hochhaussiedlungen.

Der Autor

Peter Bialobrzeski, geboren 1961 in Wolfsburg, studierte zunächst Soziologie und Politik, danach Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie in Essen und London. Bekannt wurde er mit seiner Ausstellung "Neon Tigers", in der er Fotos der aufsteigenden Metropolen Asiens zeigte (siehe auch art 9/2004). Seit 2002 lehrt Bialobrzeski Fotografie an der Hochschule für Künste Bremen.

Das Zitat

"Nail Houses, wie Nägel aus einem Stück Hartholz, die sich weder ziehen noch einschlagen lassen, ragen sie empor. Sie erheben sich wie Trutzburgen gegen die zahlreichen Immobilien- und Infrastrukturprojekte von Behörden und Bauherrren. Dingzihu nennt der Volksmund in China jene Gebäude, deren Eigentümer sich weigern, ihr Heim für einen Neubau zu verlassen. Protest in Zeiten der Hochgeschwindigkeitsurbanisierung." (Stefanie Gommel)

Wer braucht das?

Chinareisende, Bialobrzeski-Fans – und alle, die gern in guten Fotobänden blättern.

Das gefällt

Schönes, klares Layout mit Fotos in eindrucksvoller Größe.

Was ätzt die Kritikerin?

Etwas mehr Text hätte dem Band gutgetan. Informationen zur Vita des Fotografen und zu seiner bisherigen Arbeit fehlen. Interessant wäre insbesondere ein einführender Text zum Projekt Habitat, der Trilogie, deren dritter Band der vorliegende ist.

Coffee-table-Faktor

4 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände") Ein schmaler Bildband, fast noch handtaschentauglich, dessen Coverfoto aber durchaus neugierig macht: ein verlassen wirkendes Abbruchhaus, aus dessen Inneren aber Lampenlicht dringt, im Hintergrund moderne Wohnsilos.

Gewicht

700 Gramm.

Peter Bialobrzeski: Nail Houses or the Destruction of Lower Shanghai

Text von Stefanie Gommel (deutsch/englisch). Hatje Cantz Verlag, 116 Seiten, 63 farbige Abb., 35 Euro
http://www.hatjecantz.de