Brasilien - Bookmarks Spezial

Samba Olé!

Deutschland ist im Brasilienfieber und das nicht nur wegen der Fußballweltmeisterschaft 2014. Seit vielen Jahren weckt das Land des Karnevals, des Multikulti und der vibrierenden Lebensfreude die Faszination von Künstlern aller Art. Passend zur WM nähern sich vier Bildbände in unterschiedlichen Facetten dem wohl buntesten Land Südamerikas.
Zwischen Favela und Copacabana:Bookmarks Brasilien Spezial

Fans warten auf den Anpfiff des Eröffnungsspiels zwischen Brasilien und England im zuvor drei Jahre lang geschlossenen Maracana-Stadion. Christopher Pillitz: "Rio de Janeiro", 2013

Kurven zwischen Samba und Capoeira

Bereits bei seiner ersten Reise nach Brasilien Ende der neunziger Jahre, die er auf den Spuren Oscar Niemeyers antrat, spürte Olaf Heine eine Faszination für die Vielseitigkeit des südamerikanischen Landes.

Seit 2010 hielt der renommierte Akt- und Porträtfotograf seine Impressionen von Brasilien mit einer Reihe von Architektur-, Landschafts-, Porträt- und Aktaufnahmen fest, die nun parallel zu einer noch laufenden Ausstellung in der Berliner CWC Gallery in einem Katalog erschienen sind. Die seinen Arbeiten sonst eigene Gradlinigkeit und Gründlichkeit wurde in vielen Aufnahmen durch Spontaneität, das Impulsive und mitunter Chaotische vor Ort ergänzt. Mit einem feinen Gespür für Schatten und Oberflächenstrukturen kreiert er ein melancholisches Bild von Brasilien, das am besten mit den Worten des berühmten brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer zu beschreiben ist: "Das ganze Universum ist aus Kurven gemacht." Jene Kurven tauchen sowohl in der Architektur als auch im menschlichen Körper auf, durchdringen gleichsam das brasilianische Lebensgefühl. Dass Olaf Heine das Land von Copacabana und Karneval in Schwarzweiß präsentiert, ist nur scheinbar ein Widerspruch. Durch diese konzeptionelle Beschränkung wirken seine Aufnahmen wie aus der Zeit gefallen, finden jedoch durch die ihm eigene Bildsprache immer wieder in die Gegenwart zurück. So werden Fotografien von den kühlen, weiten Schwüngen der Rampen, Treppen und Stützen eines Niemeyers sinnlichen Porträtaufnahmen von Tänzern, Sportlern oder wunderschönen brasilianischen Frauen in den Straßen und an den Stränden von Rio de Janeiro entgegengestellt. Fehlt Heines komplexem Werkkatalog, wenn auch beabsichtigt, durch die häufige Gegenüberstellung unterschiedlicher Bildgenres teils der rote Faden, so hat er ohne Frage dennoch ein zeitloses Länderporträt Brasiliens entworfen.

Olaf Heine: Brazil, teNeues 2014, gebundene Ausgabe, 256 Seiten, 153 S/W-Abb., 79,90 Euro

Auch Pelé fing klein an

Alles begann mit einer bitteren Enttäuschung: Die Capoeira, Brasiliens bekanntestes Erbe – eine von afrikanischen Sklaven erfundene Mischung aus Tanz und Kampfkunst – wurde 1904 von Rios Politikern endgültig verboten. Was blieb den Leuten noch? Richtig. Samba und ein kleiner runder Ball, der ein regelrechtes Fieber auslösen sollte. Sie haben ihn zwar nicht erfunden (das waren die Engländer), dennoch sind die Brasilianer die wohl fußballverrückteste Nation der Welt. Der echte brasilianische Fußball unterscheidet sich dabei maßgeblich von dem regelhaften, eckig geführten Ballspiel der Europäer: Er ist eine Art des subversiven Kampftanzes, der dem Takt der Samba folgt und an den ungewöhnlichsten Orten ausgetragen wird. Die Brasilianer brauchen keinen Rasen, kein Stadion, nicht einmal einen Ball – ob lässiger Beachsoccer an den Stränden der Copacabana, Blechdosenmatches zwischen Straßenkindern in den Favelas oder echte Kickerduelle auf Bolzplätzen im Gefängnis, auf Bohrinseln oder im Kloster, Fußball ist in Brasilien allgegenwärtig.

Um all das abzubilden, bedarf es nur eines großen Fotografen, der es versteht, die Seele der Dinge und Menschen um ihn herum einzufangen. In seinem neu erschienen Bildband "Fussball. Brasil" ist dem argentinischen Fotografen Christopher Pillitz ein Paradestück gelungen: In 175 Farbabbildungen hat er das Phänomen des Fußballs auf der Terra Brasilis in all seinen Facetten eingefangen. Bei Pillitz geht es nicht um Pelé und Ronaldinho, es geht um die Seele des Straßenfußballs, um das, was man auf Portugiesisch eine "pelada" ("Nackte") nennt, womit der nackte Boden ohne Rasen gemeint ist. Mit beinahe anthropologischem Blick zeigt der Fotograf Brasilien nicht nur als Land des Fußballs, sondern als einen Schmelztiegel der Rassen, Töne und Farben. Aufnahmen junger Talente auf dem Weg zum Profifußball, überfüllter Stadien, ausgelassener Siegesfeiern und der ungewöhnlichsten Austragungsorte des Fußballs liefern ein abwechslungsreiches Bild von Brasiliens Ballkultur, das so richtig Lust auf die diesjährige Fußballweltmeisterschaft macht.

Christopher Pillitz: Fußball Brasil, Prestel 2014, gebundene Ausgabe, 192 Seiten, 175 Farbabb., 29,95 Euro

Auf den Spuren des Utopiearchitekten

Es regnete. Drei Wochen später regnete es immer noch. Vor 52 Jahren lernte der Fotograf Lucien Clergue mit seinem Verleger Jean Petit bei einem Aufenthalt in Rio de Janeiro den berühmten brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer kennen. Gemeinsam entschieden sie, ein Buch von Architekturaufnahmen von der architektonisch neu gestalteten Hauptstadt Brasília zu machen. Das Projekt fiel buchstäblich ins Wasser – es war Regenzeit. 1963 wagten sie einen neuen Versuch, doch trotz der Aufnahmen wurde das Buch nie publiziert. 2013, über 50 Jahre später, ist im Verlag Hatje Cantz ein eindrucksvoller Bildband mit den bislang als verschollen geltenden Schwarzweißfotografien Lucien Clergues erschienen, in dem er sich mit Bildern der neu erbauten Hauptstadt auf die Spuren des Utopiearchitekten begibt.

In Brasília hat Niemeyer die plastischen Möglichkeiten der Stahlbetonbauweise und die Abkehr des rechten Winkels von der Architektur Le Corbusiers durch die freie Kurve zur Schau gestellt. "Die Natur besteht aus einer Folge von Rundungen, die ineinander übergehen", legitimierte Niemeyer einst seine architekturrevolutionären Entwürfe. Clergue hat die Schwingungen der zukunftsvisionären Architektur Niemeyers in seinen Bildern eingefangen. Das Aufzeigen der bühnenhaften Anordnung der Szenerie, die gleißenden Lichteffekte, die weißen Fassaden mit ihren schwarzen Schlagschatten, das Aufwölben der Rippenbögen zum Himmel und die grenzenlos anschwellenden Spiralskulpturen faszinieren das Auge ebenso, wie die umfangreichen Begleittexte zu Personen, Kultur und Architektur eine zeitgeschichtliche Bedeutung des Architektur-Projektes "Hauptstadt Brasília" vermitteln. Dies hebt den Band "Brasilia" über die Qualitäten eines reinen Fotobuchs hinaus.

Lucien Clergue: Brasília, Hatje Cantz 2013, gebundene Ausgabe, 204 Seiten, 102 S/W-Abb., 48 Euro

Kunstarena der brasilianischen Moderne

Die weltweite Präsentation zeitgenössischer Kunst aus Deutschland ist ein bedeutender Schwerpunkt der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Da wundert es kaum, dass das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) als älteste kulturelle Mittlerorganisation ebenso ihren Anker in Brasilien auswirft – wohlbemerkt mit Erfolg: Seit ihrer Gründung 1951 präsentiert die Biennale von Sao Paulo, nach der Biennale in Venedig zweitältestes Kunstereignis der Welt, mit Vorliebe deutsche Kunst. Ob Paul Klee, Max Beckmann, Oskar Schlemmer, Emil Nolde, Georg Baselitz, Sigmar Polke oder Joseph Beuys, bedeutende Werke bekannter deutscher Künstler wurden über Jahrzehnte ans andere Ende des Globus transportiert. Die Biennale von Sao Paulo ist ein Renommierprojekt der internationalen Kulturpolitik und die deutsche Teilnahme Ausdruck dafür, wie zeitgenössische Kunst aus einem intensiven Dialog zwischen zwei Ländern nachhaltige Kulturbeziehungen entwickeln kann. Beim brasilianischen Publikum erzeugten die deutschen Beiträge eine solche Resonanz, dass im Nachhinein einige Biennalen nach den präsentierten Künstlern benannt wurden, wie die "Kiefer-Biennale" (1987) und die "Beuys-Biennale" (1989).

Ein im letzten Jahr erschienener, reich bebildeter Werkkatalog aus dem Verlag Hatje Cantz lässt die deutschen Beiträge der 30 Biennalen in Sao Paulo chronologisch Revue passieren und beleuchtet sie im Kontext der brasilianischen sowie deutschen Kulturpolitik. Archivstudien in Sao Paulo, Berlin und Stuttgart brachten eine Fülle von nie veröffentlichten Dokumenten und Fotos zutage, die anschaulich präsentiert werden. Essays verschiedener Autoren schildern zugleich die Gründung und die Geschichte der Biennale, die eng mit dem Schicksal der brasilianischen Moderne verbunden ist. Der Katalog ist damit nicht nur ein ästhetisches Vermächtnis der deutschen Nachkriegskunstgeschichte, sondern wirft zugleich ein neues Licht auf die Geschichte der wichtigsten Kunstschau Südamerikas.

Ulrike Groos, Sebastian Preuss (Hrsg.): German Art in Sao Paulo. Deutsche Kunst auf der Biennale 1951-2012, Hatje Cantz 2013, 336 Seiten, 404 Abb., 29,80 Euro