Bookmarks - Lesetipps Mai

Die Lesetipps des Monats

art-Redakteurin Ulrike von Sobbe stellt Ihnen in unserer Rubrik "Bookmarks" jeden Monat neue Kunstbücher vor. Aus den Frühjahrspublikationen der Kunstbuchverlage hat sie diesmal zehn Fotobände ausgewählt. Sie zeigen das Swinging London ebenso wie kühle venezianische Nächte oder den Glamour von New York.
Das müssen Sie lesen:Die Buchtipps für den Monat Mai

Zum Lesen, Schauen und Genießen: die schönsten Fotobände aus dem Frühjahr 2011

Zeitgeist & Glamour. Photography of the 60s and 70s

Das waren schon Glitzerzeiten, die Sechziger und Siebziger des vorigen Jahrhunderts. Der Krieg lag weit genug weg, um seine Schrecken zu vergessen und sich endlich wieder dem Hier und Heute zuzuwenden – und es zu genießen. Und glücklicherweise stand auch gleich eine ganze Riege Fotografen von Richard Avedon bis Andy Warhol bereit, um diese Welt des schönen Scheins mit ihren Pop-Stars und Models, ihren hippen Frisuren und schicken Fummeln im Bild festzuhalten.

Die Schweizer Kunstsammlerin Nicola Erni wollte ursprünglich nur den besonders luxuriösen Müßiggang des besonders extravaganten Jetsets von St. Moritz fotografisch dokumentieren; daraus ist inzwischen eine Kollektion von über tausend Aufnahmen geworden, die das Lotterleben der Reichen und Schönen rund um die Welt beleuchten. Damals aktuelle Problemzonen wie Vietnam-Krieg oder Studenten-Revolte sucht man vergebens, aber Glamour satt gibt es allemal.
(Prestel Verlag. 368 S., 400 Abb., 59 Euro)

Willy Maywald: Ein deutscher Fotograf der Haute Couture in Frankreich

Dass Karl Lagerfeld eine große Nummer in Frankreich ist, das weiß man – aber dass es zuvor schon einmal ein Deutscher im Mutterland der Mode ziemlich weit nach oben gebracht hatte, das wissen deutlich weniger. Willy Maywald, 1907 im niederrheinischen Kleve geboren und als Hotelierssohn früh an Weltläufigkeit gewöhnt, ging nach dem Kunstschul-Studium schon mit 25 Jahren nach Paris, um dort als Fotograf Karriere zu machen. Sein intuitiver Sinn für Eleganz brachte ihm bald den Titel "Meister der Pose" ein, und wenn auch der Zweite Weltkrieg ihn zur Flucht in die Schweiz zwang, so reüssierte er danach umso mehr. Vor allem seine Zusammenarbeit mit Haute-Couture-Star Christian Dior machte ihn berühmt: Maywalds mondäne Inszenierungen des kühlen "New Look" wurden stilbildend. Eine große Retrospektive und der dazu gehörende Katalog belegen jetzt noch einmal, wie formvollendet der 1985 gestorbene Kamera-Künstler seine zeitlos schönen Aufnahmen zu kreieren wusste.
(Verlag für moderne Kunst. 228 S., ca. 200 Abb., 40 Euro)

Wim Wenders: Places, strange and quiet

Es ist das Abseitige und Entlegene, das den inzwischen 65-jährigen Wim Wenders seit jeher interessiert, wenn nicht gar fasziniert hat. Schon in seinen ersten Filmen, mit denen er zu einem der bedeutendsten deutschen Regisseure der Nachkriegszeit wurde, brachte er immer wieder Außenseiter auf die Leinwand, die am Rande der Gesellschaft ihr Auskommen suchen. Dass der Fotograf Wenders ähnliche Vorlieben hat, ist jetzt auf metergroßen Bildern zu studieren, die noch bis Mitte Mai in der Londoner Galerie Haunch of Venison gezeigt werden und im dazu gehörigen Katalog leider, aber unvermeidlich auf einen Bruchteil ihrer überwältigenden Dimension zusammengeschnurrt sind. Doch selbst in diesem Format sind sie noch beeindruckend: das Riesenrad, das wie aufgegeben irgendwo auf einem Feld in Armenien herumsteht, der fensterlose Hinterhof in einem japanischen Städtchen, die von Einschüssen zernarbte Hausmauer im alten jüdischen Viertel von Ost-Berlin. Menschen sind auf diesen meditativen Betrachtungen fast kaum zu sehen – aber die stille Magie der Orte wirkt umso nachhaltiger.
(Hatje Cantz Verlag. 124 S., 37 Abb., 24,80 Euro)

Thomas Hoepker: DDR Ansichten

Weder die angestrengten Imperative auf den Plakaten noch die unverdrossene Improvisierlust der Menschen konnten da noch viel ausrichten: Die DDR, das machen die Aufnahmen, die Thomas Hoepker jetzt in diesem Band versammelt hat, ebenso beiläufig wie unerbittlich klar, war spätestens ab Mitte der siebziger Jahre ein Staat ohne Zukunft. Schon Ende der Fünfziger begann der langjährige Stern-Fotograf, sich per Kamera mit dem deutschen Arbeiter- und Bauernstaat zu beschäftigen; 1974 ging er mit seiner Frau, der Journalistin Eva Windmöller, im Auftrag des Hamburger Magazins für drei Jahre nach Ost-Berlin, um über den realsozialistischen Alltag "drüben" zu berichten. Auf Sensationen war der inzwischen 75-Jährige, wie in seiner ganzen langen Karriere, eher nicht aus, ihn interessierte stets mehr das unspektakuläre aber aufschlussreiche Detail. Und so finden sich auch in diesem Buch eine Fülle von Aufnahmen, die das "monotone Grauen unter Hammer und Sichel im Ährenkranz" (so der Ex-DDR-Bürger Wolf Biermann in seinem bissigen Vorwort) ironisch, aber nie verächtlich festhalten: die muffige Gemütlichkeit der Nischengesellschaft, der hohle Pomp der Paraden, das trostlose Ambiente der Hinterhöfe. "Sittenbilder einer soeben versunkenen Epoche" nennt Biermann sie, und tatsächlich: Hier ist zu besichtigen, wie ein Staat seinem Ende entgegen marschiert.
(Hatje Cantz Verlag. 240 S., ca. 200 Abb., 35 Euro)

Michael Zibold: Passagen

Hafenstädte hat er bereist, von Kalkutta bis Buenos Aires, von Istanbul bis Marseille, von Sidney bis Tokio. Auf seinen Streifzügen mit der Kamera hat der Hamburger Fotograf dabei die touristischen Meilen ausgelassen und sich ganz auf die Faszination des Alltäglichen konzentriert, die er in sehr authentischen Schwarzweißbildern eingefangen hat. Sie erzählen Geschichten von der "Sehnsucht und Liebe zum Leben", wie er selbst am Ende seines Buches schreibt, das seine Fotografien in hervorragend gedruckten ganzseitigen Duoton-Abbildungen zeigt.
(Kehrer Verlag. 280 S., 213 Abb., 48 Euro)

Peter Knaup: Stilles Venedig

Der international ausgezeichnete Still-Life-Fotograf hat sich einen Traum erfüllt: die Lagunenstadt ohne Menschen. Meist am Morgen gegen fünf Uhr ist es ihm gelungen, die einzigartige Architektur der Stadt ohne ihr übliches geschäftiges Treiben zu erleben. Die Schwarzweißbilder, die ihm dabei gelungen sind, zeigen ein leises, nicht weniger erhabenes Gesicht von Venedig, das einer kühlen Schönen, die erst mit dem Sonnenlicht zu ihrer lebendigen Grazie findet. Wer sich manchmal auch solche Momente erträumt, dem sei dieser edle Band empfohlen.
(Edition Braus. 124 S., 100 Abb., 49,80 Euro)

Philip-Lorca diCorcia: Eleven

Der amerikanische Fotokünstler, der vor allem mit seiner Serie "Heads" – spontane, großformatige Porträts einzelner Passanten in Metropolen – berühmt wurde, ist auch bekannt für seine inszenierten, rätselhaften Bildgeschichten. Elf provokante Portfolios, die an verschiedenen Orten, darunter Havanna, St. Petersburg und New York, entstanden sind, wurden nun in einem opulenten Band versammelt. Ein Bild aus der New York-Serie, ist bereits Legende: Es zeigt zwei Frauen der Upper Class mit einem jungen Mann beim Lunch im Restaurant "Windows on the World", das sich im 107. Stock vom Nordturm des World Trade Centers in New York befand, durch die Fensterfront ist die Silhouette des südlichen Twin-Tower zu erkennen.
(Feymedia Verlagsgesellschaft. 288S., 191 Abb., 65 Euro)

Linda McCartney: Life in Photographs

Auf dem Cover versteckt ein junger Paul McCartney sein Gesicht im Revers seines purpurnen Samtjackets. Nur die Augen hält er in die Kamera. Und die sind so bezwingend sanft und schön, dass man sofort versteht, warum junge Frauen oder auch Männer in den Sechzigern wegen ihm ins Kreischen gerieten. Die Rede ist von einem überdimensionalen Band mit Fotografien von Linda McCartney, Pauls Frau. Als führende Fotografin der Musikszene porträtierte sie fast alle Größen der Pop- und Rockszene wie Jimi Hendrix, Bob Dylan oder Simon & Garfunkel. Um die "swinging sixties" zu dokumentieren, ging sie 1967 nach London und fotografierte auch die Beatles bei der Präsentation ihres Albums "Sergeant Pepper". Paul und Linda verliebten sich, heirateten und hatten vier Kinder. Bis zu ihrem frühen Tod drei Jahrzehnte später, war die Kamera ihr immerwährender Begleiter. Sie fotografierte alles, ob alltägliches Familienleben oder Studiositzungen der Beatles, Treffen mit Stevie Wonder, Michael Jackson oder Willem de Kooning, Tiere oder Pflanzen. Merkwürdigerweise wirken die Aufnahmen nicht alt, der Fotografin gelingt eine so spürbare ungekünstelte Nähe, dass den Bildern etwas Zeitloses anhaftet. Es sind Momente der Vertrautheit, die in dieser Fotosammlung aneinandergereiht zu einem sehr persönlichen Tagebuch werden. Ein intensives ruhiges Buch, mit dem man sich den Stunden des Abends überlassen kann, so wie früher den Songs von Paul, der übrigens zusammen mit seinen Kindern die Bilder ausgewählt hat.
(Taschen Verlag. 264 S., zahlr. Abb., 49,99 Euro)

Winfried Nerdinger: Fotografie für Architekten. Die Fotosammlung des Architekturmuseums der TU München

Ein Buch für Spezialisten, das einen Blick in bislang verborgene Schätze des Architekturmuseums ermöglicht. Der Begleitband zu einer Ausstellung des Münchner Hauses (bis 19. Juni) zeigt aufschlussreich, wie Ende des 19. Jahrhunderts die Architekturfotografie – zunächst in Ermangelung von Lehrbüchern – als Anschauungsmaterial für angehende Baumeister höchst gefragt war. Später setzen Architekten die Bilder als Werkzeug ein, dokumentieren den Fortgang von Bauvorhaben, Fotomontagen dienen dazu, Ideen zu verdeutlichen oder Bauherren zu überzeugen. Mit der Moderne beginnt ein Zusammenspiel von Fotograf und Architekt: Bauten werden in Szene gesetzt, erst die grandiosen Aufnahmen von Julius Shulman machten Richard Neutra zum international gefeierten Architekten-Star. Ein eindrucksvolles Panorama der Architekturfotografie von den Anfängen bis heute.
(Verlag Walther König. 216 S., 220 Abb., 38 Euro)

Hommage à Berlin – Photographien von Hein Gorny, Adoplh C Byers und Friedrich Seidenstücker

Dass auch das zertrümmerte Berlin immer noch seine einstige Ästhetik zu vermitteln vermochte, dokumentieren die Aufnahmen, die der zu den Fotografen der Neuen Sachlichkeit zählende Hein Gorny und der US-Amerikaner Adoph C. Byers aus der Luft und am Boden von bekannten Bauten und Architekturensembles in den Jahren 1945 und 1946 gemacht haben. Sie sind nun zu sehen in der Collection Regard Marc Barbey (bis 9. Oktober, Steinstraße 12, Berlin, geöffnet freitags von 14-18 Uhr). Der sorgfältig edierte Begleitband zur Ausstellung mit einem Text des Berlinkenners Enno Kaufhold ist ein sehr berührendes Erinnerungsbuch geworden.
(Collection Regard. 160 S., zahlr. Abb., 49,90 Euro)

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