Sergio Larrain - Bookmarks

Chilenischer Flaneur mit der Kamera

Der Chilene Sergio Larrain war ein Großbürger und Flaneur wie sein Kollege Henri Cartier-Bresson, der ihn 1961 einlud, Mitglied der Agentur Magnum zu werden. Zwei Jahre nach Larrains Tod präsentiert nun ein Fotoband im Hatje Cantz Verlag seine Arbeiten auch bei uns einem breiten Publikum.

Was ist drin?
Der voluminöse Band gibt tiefen Einblick in den Kosmos des Magnum-Fotografen Sergio Larrain.

Larrain, 1931 in Santiago de Chile in großbürgerlicher Familie mit baskischen Wurzeln geboren, kaufte mit 18 Jahren seine erste Kamera, eine gebrauchte Leica – wie er in einem Interview sagte, "ohne zu ahnen, dass das Fotografieren mein Beruf werden sollte". Sein Landwirtschaftsstudium in Berkley bricht er ab, aber auch in Ann Arbor an der University of Michigan nutzt er wohl in erster Linie die Dunkelkammer, schmeißt das Studium, beschließt Fotograf und Schriftsteller zu werden, geht nach Chile zurück. Dort lernt er Jorge Opazo kennen, seinerzeit Chiles berühmtester Glamourfotograf; er gilt als sein eigentlicher Lehrmeister.

Ab 1954 arbeitet Larrain als freier Fotograf. Seine ersten Themenschwerpunkte: Straßenkinder und die Stadt Santiago – Fotos, die auch in diesem Band zu sehen sind. Neben flüchtigen Straßenszenen aus Andendörfern, oft wie mit versteckter Kamera unbemerkt eingefangen, gibt es jedoch auch Bilder aus europäischen Metropolen wie London, Paris oder Rom. Aber immer wieder streift er mit der Kamera durch Santiago oder fotografiert in der Hafenstadt Valparaíso, für ihn "nicht nur eine der schönsten und interessantesten Städte Lateinamerikas, sondern auch die schönste der Dichtungen, die Anden und Stillen Ozean verbinden".

Was ist die These?
"Die Fotografie ist ein Bewusstseinskonzentrat", schreibt Larrain 1971 in einer Reportage. Das Besondere seiner Arbeiten sei die "Doppelbödigkeit seiner sozial engagierten und zugleich poetischen Vorgehensweise", so die Herausgeberin Agnès Sire.

Die schönste Seite?
Seite 35: "Zwischen der Insel Chiloé und Puerto Montt, Chile, 1975". Zu sehen ist ein junges Paar, er und sie dicht aneinandergeschmiegt, beide glücklich lächelnd, über ihren Köpfen wie als Kontrast ein schmutziges, vom Wind gestrafftes Segel, verschwommen im Hintergrund ein anderes Segelschiff in den Weiten des Pazifiks.

Die Autoren
Herausgeberin Agnès Sire, promovierte Philosophin, war Leiterin bei Magnum Photos und ist seit 2004 Direktorin der Fondation Henri Cartier-Bresson, wo sie auch Ausstellungen kuratiert und die Kataloge ediert. 1999 war sie Co-Kuratorin der Larrain-Ausstellung am Instituto Valenciano de Arte Moderno (IVAM) in Valencia. Weitere Texte stammen von Gonzalo Leiva Quijada, der am Instituto de Estética der Pontificia Universidad Católica de Chile in Santiago lehrt. Er hat zahlreiche Bücher zur Fotografie und Kunst Lateinamerikas veröffentlicht, darunter auch eins über den Magnum-Fotografen Larrain (Sergio Larrain: Biografía, estética, fotografía, Santiago de Chile 2012).

Das Zitat
"Meine Fotos sollen durch unmittelbares Erleben entstehen und nicht durch langes Durchkauen. Ich habe begriffen, dass Fotografie wie jeder künstlerische Ausdruck im tiefsten Innern zu suchen ist. Das perfekte Foto ist eine Art Wunder, es scheint in einem Lichtblitz auf – Thema, Form und perfekter Seelenzustand –, beinahe zufällig drückt man den Auslöser und das Wunder geschieht." (Sergio Larrain, 1960)

Wer braucht das?
Freunde der klassischen Straßenfotografie – wer sich für Cartier-Bresson, Brassai, Helen Levitt oder Vivian Maier interessiert, wird sich auch für Sergio Larrain begeistern lassen.

Das gefällt
Die Ouvertüre des dicken Fotoband bilden faksimilierte Briefe Larrains – und nicht etwa opulente Bilder. Die Texte machen einen mit der Persönlichkeit des Fotografen vertraut – besonders schön die an seinen Neffen Sebastián Donoso gerichteten Zeilen, in denen er dem jungen Mann weise Ratschläge für die Arbeit mit der Kamera gibt.

Was ätzt die Kritikerin?
Das Blättern nach den Bildunterschriften im hintersten Buchteil ist sehr lästig.

Coffee-table-Faktor
4 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände") Sehr dekorativ: Der graue Leineneinband ist zugleich Passepartout für ein handtellergroßes, surrealistisch anmutendes Schwarzweißfoto zweier Mädchen, die eine Treppe zu einem für den Betrachter verborgenen Ort hinabsteigen ("Bavestrello-Passage, Valparaíso, Chile,1952").

Gewicht
Gut 2000 Gramm.

Agnès Sire (Hrsg.): Sergio Larrain. Hatje Cantz Verlag, 400 Seiten, 58 Euro

Sergio Larrain

bis zum 15. Juli,
Museo de Bellas Artes, Santiago, Chile
http://www.mnba.cl/Vistas_Publicas/publicNoticias/noticiasPublicDetalle.aspx?idNoticia=75633