Die andere Moderne - Bookmarks

Darum ist es am Rhein so schön

Der Ausstellungskatalog "Die andere Moderne" widmet sich mit rund 300 Bildern 50 in Vergessenheit geratenen Künstlern aus dem Rheinland zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Schwergewicht rheinländischer Kunst:Die vergessene Moderne im Rheinland

Max Clarenbach: "Winter an der Erft", 1906, Privatbesitz

Was ist drin:
Der Katalog begleitet eine Wanderausstellung, die zur Zeit im Frankfurter Museum Giersch zu sehen ist und weiter nach Karlsruhe zieht und zeigt eine "andere", heute weitgehend unbekannte, weil in Vergessenheit geratene Moderne in Deutschland von 1900 bis 1920.

Grundlage des Katalogbuchs sind die Zeitschrift "Die Rheinlande" und die Geschichte des "Verbands der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein", beide ins Leben gerufen, um angesichts der Vormachtstellung der Kunstzentren Berlin und München die Kunst im Westen Deutschlands zu fördern. Die verschiedenen Strömungen dieser "anderen Moderne" oszillieren zwischen traditioneller und avantgardistischer Kunst. Der Bildband präsentiert nun rund 300 Gemälde, Grafiken und Plastiken von über 50 Künstlern, darunter auch bekannte Namen wie August Gaul, Wilhelm Lehmbruck oder Oscar Schlemmer.

Was ist die These?
Abseits der Kunstzentren Berlin und München, im Westen Deutschlands, hatte sich zwischen 1900 und 1922 eine "andere Moderne" etabliert, die es heute wieder zu entdecken gilt.

Die schönste Seite?
Seite 256: Abgebildet ist "Der Kiefernwald" (1912/13) des 1891 in Bielefeld geborenen Malers Hermann Stenner – in seiner leuchtenden Farbigkeit erinnert es fast an die Südseebilder eines Paul Gauguin. Stenner studierte ab 1909 an der Kunstakademie in München, setzte sein Studium 1910 an der Königlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart fort und nahm 1913 an der Berliner Ausstellung der "Neuen Sezession" teil. Im August 1914 meldete er sich zusammen mit Oskar Schlemmer freiwillig zum Kriegsdienst und fiel noch im selben Jahr an der Ostfront in Polen. Sein Malerkollege Willi Baumeister schrieb ihm das Potenzial für einen der besten Maler Deutschlands zu, "wenn nicht der sinnlose verbrecherische Krieg seine Opfer geholt hätte".

Der Autor
Die neun Autoren der Katalogtexte – Brigitte Baumstark, Manfred Großkinsky, Ursula Merkel, Christoph Otterbeck, Inga Pohlmann, Ulrich Röthke, Nicole Roth, Katrin Schwarz, Barbara Stark – sind fast ausnahmslos Kunsthistoriker und Mitarbeiter der drei Kunstinstitute, die an diesem ambitionierten Projekt beteiligt sind (Städtische Wessenberg-Galerie, Konstanz; Museum Giersch, Frankfurt/Main; Städtische Galerie, Karlsruhe).

Das Zitat
"Unter den zahlreichen Kunst- und Kulturzeitschriften, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert das zeitgenössische Kunstgeschehen begleiteten, kommt der Zeitschrift "Die Rheinlande" besondere Bedeutung zu. Sie erschien zum ersten Mal im Oktober 1900 und verstand sich laut Untertitel als "Monatszeitschrift für deutsche Kunst". Der Titel "Die Rheinlande" artikuliert die sehr ungewöhnliche Begrenzung auf ein landschaftliches Gebiet (...) von seiner Quelle in den Schweizer Alpen bis zur holländischen Grenze. Damit wollten die Initiatoren sowohl der kulturellen Vorherrschaft von Berlin und München entgegentreten, als auch den Blick auf die historische Dimension dieser reichen Kulturlandschaft weiten."

Wer braucht das?
Liebhaber der Moderne, die auch vorzügliche Bilder weniger bekannter Maler entdecken wollen.

Das gefällt
Der Band liefert eine spannende Mischung bekannter und in Vergessenheit geratener Künstler.

Was ätzt die Kritikerin?
Die Kurzbiografien der Künstler klemmen ein wenig unscheinbar am Ende des sonst lesefreundlich gestalteten Bands – Abbildungen hätten diesen Teil attraktiver gemacht.

Coffee-table-Faktor
4 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände") Sehr dekorativ: Das Cover ziert eine in Graublauschattierungen gehaltene Ansicht eines von Bäumen gesäumten Flusses. Zu sehen ist ein Ausschnitt des Bilds "Winter an der Erft" (1906), eine der zahlreichen Winterlandschaften, die Max Clarenbach (1880 bis 1952) gemalt hat.

Gewicht:
Über zwei Kilo, ein Schwergewicht also.

Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz, Museum Giersch, Stadt Karlsruhe – Städtische Galerie (Hg.): Die andere Moderne. Michael Imhof Verlag, 416 Seiten, 350 Farb- und 17 SW-Abb., 39,95 Euro

Die andere Moderne. Kunst und Künstler in den Ländern am Rhein (1900 bis 1922)

Bis 13. Juli, Museum Giersch, Frankfurt/Main


Vom 2. August bis 19. Oktober in der Städtischen Galerie, Karlsruhe
http://www.museum-giersch.de/#/Willkommen