Anders Petersen - Bookmarks

Raue Sprache, zarter Blick

Er schaltet sein Gehirn aus, wenn er fotografiert, und nutzt nur Herz und Bauch. Der schwedische Fotograf Anders Petersen, der durch seine Hamburger Kiezbar-Fotos bekannt wurde, zeigt in seinem Bildband "Rome" Ansichten der ewigen Stadt, die man so nicht kennt.
Intime Blicke:Rom-Bildband des Fotografen Anders Petersen

Der Fokus liegt ganz auf den Gesichtern der Liebenden: Motiv aus Anders Petersens "Rome"

Was ist drin?

Der preisgekrönte schwedische Fotograf Anders Petersen hat jahrelang – 1984, 2005 und 2012 – in Rom fotografiert. Entstanden sind dabei keine Stadtansichten mit Wiedererkennungswert, sondern Fotos ganz persönlicher, oftmals sehr intimer Blicke, ausschließlich in Schwarzweiß. Der Bildband präsentiert Akte, Nahaufnahmen von Tieren aus ungewohnten Perspektiven, Stillleben von abgegessenen Tellern, Straßenszenen, Aufnahmen, die in ihrer ungeschminkten Direktheit eindrucksvoll sind.

Was ist die These?

Petersen liefert den Beweis: Man kann in Rom fotografieren, ohne wiedererkennbare Orte zu zeigen. Der Fotograf empfindet sich als Teil der Stadt: "Every photograph I take is a sort of self-portrait."

Die schönste Seite?

Das doppelseitige Foto eines sich küssenden jungen Paares vor dem Tresen einer Bar – der Fokus liegt ganz auf den Gesichtern der Liebenden, der Rest der Bildszene ist großenteils grob unscharf.

Der Autor

Anders Petersen, geboren 1944 im schwedischen Solna, hat in Stockholm Fotografie studiert. Bei einem Hamburg-Besuch geriet er durch Zufall in das Café Lehmitz, eine sogenannte Stehbierhalle am Ende der Reeperbahn. Von 1968 bis 1970 fotografierte er die Menschen, die hier täglich ein- und ausgingen: Prostituierte, Zuhälter, Transvestiten, Kleinkriminelle. 1978 wurden die Fotos aus dieser Zeit in Buchform veröffentlicht – inzwischen ein Klassiker der Milieufotografie. 2008 erhielt Petersen den Dr.-Erich-Salomon-Preis für Fotografie.

Das Zitat
"My fotography is no brain fotography. I put my brain under the pillow; I shoot with my heart and my stomach. And this is very important for me: that my fotography is intuitive."

Wer braucht das?

Wer die Arbeiten seines Buchs "Café Lehmitz" schätzt, wird auch die "Rome"-Fotos mögen.

Das gefällt

Die raue Bildsprache der in hartem Schwarzweiß aufgenommenen Bilder überzeugt – ganz gemäß dem Credo des Fotografen: "It’s not about a good or a bad picture. It's more about being believable. Believable is when you feel the temperament behind personality."

Was ätzt der Kritiker?

Das Layout verzichtet gänzlich auf Bildtitel, dabei wäre es interessant, mehr über die Motive zu erfahren.

Coffee-table-Faktor

4 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände") Ein broschiertes Album, dessen Cover das Foto einer jungen Frau ziert – lächelnd schaut sie, vom Betrachter abgewandt, aus dem Autofenster, Gesicht und Haar werden dabei von hellem Sonnenlicht umspielt. Das dekorative Buch macht neugierig, und beim Blättern wird schnell klar, dass das Titelmotiv nicht unbedingt repräsentativ ist für Anders Petersens Bildsprache.

Gewicht

620 Gramm.

Anders Petersen: Rome

Buchhandlung Walther König, 112 Seiten, 83 Abb., mit einem Text von Marco Delogu (in Englisch), 35 Euro, Erscheinungstermin: 31. Oktober 2014, ISBN-10: 3863354613
https://www.buchhandlung-walther-koenig.de/koenig2/index.php?mode=start

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