Claus Bury - Bookmarks

Zwiesprache mit der Vergangenheit

Claus Bury, 68, zählt zu den wichtigsten Bildhauern Deutschlands. Nun zeigt ein Katalog, der ein dreiteiliges Ausstellungsprojekt in Weimar, Kaiserslautern und Hanau begleitet, mit auf Reisen entstandenen Fotos und Gouachen, aus welchen Quellen der Künstler die Ideen für seine monumentalen architektonischen Skulpturen schöpft.
An den Reisegruppen vorbei:Claus Burys Fotos antiker Ruinen

Wenn hier eine Reisegruppe war, hat Claus Bury sie geschickt umgegangen mit seinem Foto einer fast menschenleeren Ruine: "Griechenland", 2009

Was ist drin?

Claus Bury, geboren 1946 in Gelnhausen-Meerholz ist einer der bekanntesten deutschen Bildhauer, seine monumentalen architektonischen Skulpturen stehen im öffentlichen Raum in Städten wie Wuppertal, Frankfurt am Main oder Bitterfeld.

Bury war von 2003 bis 2011 Professor für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

Der vorliegende Katalog begleitet nun ein dreiteiliges Ausstellungsprojekt, das noch in Kaiserslautern und Hanau zu sehen sein wird, und zeigt neben Burys Skulpturen auch in großem Umfang seine Reisefotografien und erstmals seine Malerbücher. Seine erste Kamera bekam Bury zur Konfirmation geschenkt und hat dann, wie er sagt, "augenblicklich ernsthaft zu fotografieren begonnen", wobei er sich schon damals nur auf Landschaften und Gebäude beschränkte. Bury hat dabei das Geschick entwickelt, die von ihm fotografierten Ruinen und Tempelanlagen wirken zu lassen, als wären es verlassene, einsame Orte, an denen er sich allein von ihrer Aura inspirieren lassen konnte, während es sich tatsächlich um von Touristenscharen heimgesuchte Sehenswürdigkeiten handelt, Beispiel: Mykene.

Bury ist ein Vielfotografierer, auf einer Reise belichtet er schon mal 100 Filme, aus denen er dann die Highlights herausfiltert, "manche über die Köpfe der Besucher hinweg fotografiert", so schreibt Freddy Langer, "viele in den frühen Morgenstunden aufgenommen" oder einfach "durch die Lücke zwischen zwei Besuchergruppen" hindurchgeschossen. "In der nahen Betrachtung und individuellen Auseinandersetzung mit dem Gesehenen“, schreibt dazu Luise Schendel, „in der Zwiesprache mit der Vergangenheit durchdringt der Archäologiebegeisterte das Wesen der aufgesuchten Orte.“

Was ist die These?

Aus den Zeugnissen der frühen Architekturgeschichte, die Bury bei seinen Reisen auf verschiedenen Kontinenten fotografiert und malt, kondensiert er die Ideen für seine Skulpturen.

Die schönste Seite?

Seite 116/117: Zu sehen ist eines der Kuppelgräber von Mykene im Osten der Peloponnes, auf der linken Seite ein Blick in die kunstvoll aufgeschichtete Kuppel, rechts eine Teilansicht des gigantischen Innenraums, in den durch einen breiten Einschnitt in der massiven Wand das grelle Sonnenlicht fällt; der einzige Besucher liefert einen guten Anhaltspunkt für die Größenverhältnisse.

Die Autoren

Unter den Autoren der den Katalog erläuternden Texte sind unter anderen die Direktoren der drei Museen, in denen die Ausstellung zu sehen war, beziehungsweise noch zu sehen sein wird: Wolfgang Holler (Weimar), Britta E. Buhlmann (Kaiserslautern) und Katharina Bechler (Hanau) haben ein sehr informatives Vorwort verfasst. Freddy Langer schreibt über die Reisefotografien von Claus Bury, Luise Schendel über Burys Malerbücher und Annette Reich über seine Skulpturen.

Das Zitat

"Meine Sicht", der Titel der Ausstellung, passt also in seiner differenzierten Qualität wunderbar zu Claus Bury. Er passt zu seinem zurückhaltenden Wesen, das doch ganz zielgerichtet, beharrlich, selbstbewusst ist und einen bestechenden, eben seinen Blick auf die Dinge hat. Insbesondere passt er zu seiner Art, Welt zu erfahren, sich in die Welt reisend inspirieren zu lassen, sein vielgestaltiges Werk zu erdenken, zu konzipieren und auszuführen. Einen beeindruckenden Ausschnitt dieses reichen Schaffens – Reisefotos, Malerbücher, Skulpturen und installative Arbeiten – hat er für die drei Ausstellungsstationen zusammengestellt, wobei jede der drei Ausstellungen ein wenig anders aussehen wird. Claus Burys "Sicht", die Gemeinsamkeiten zwischen der zeitlos scheinenden Baukunst der alten Ägypter oder der Maya Mittelamerikas mit ephemeren bäuerlichen Strohaufbauten (er nennt sie "Bauernarchitektur") unserer Tage entdeckt, ist nicht mehr und nicht weniger als die kreative Arbeit eines Weltenerfinders, Weltendeuters und Weltenschöpfers. (Vorwort von Wolfgang Holler, Britta E. Buhlmann und Katharina Bechler)

Wer braucht das?
Natürlich alle, die Claus Bury bereits kennen und schätzen, aber auch die, denen seine architektonischen Skulpturen bisher allzu spröde und technisch schienen, denn Burys auf Reisen entstandene Fotos archaischer Architekturen zeigen, wie er sich von universellen Formen inspirieren lässt und bringen einem seine monumentalen Skulpturen näher.

Das gefällt
Die zahlreichen, gut lesbaren Katalogtexte zu den unterschiedlichen Facetten von Burys Arbeitsweise liefern eine unterhaltsame Einführung in sein Werk.

Was ätzt die Kritikerin?
Den Reisefotografien fehlen Bildunterschriften – am Anfang jeder Sequenz steht lediglich, in welchem Land Bury die Aufnahmen gemacht hat, also beispielsweise "Griechenland, März–April 2009". Antike Stätten gibt es dort bekanntlich viele, etwas zuordnen wird nur können, wer selbst vor Ort war. Schade. Mindestens ebenso karg fallen die Informationen über die Autoren der Texte aus, biografische Notizen fehlen ganz. Ebenfalls schade.

Coffee-table-Faktor
3 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände") Der Band ist kein besonderer Hingucker, lässt Freunde der klassischen Schwarzweißfotografie aber zumindest neugierig werden: Vorn auf dem Einband ist ein Detail eines japanischen Tempels zusehen, wie alle Reisefotos von Bury in Schwarzweiß aufgenommen.

Gewicht
1100 Gramm.

Klassik-Stiftung Weimar, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (Hrsg.): "Claus Bury. Meine Sicht"

Wienand Verlag, 256 Seiten mit 63 Farb- und 78 Schwarzweißabbildungen, 38 Euro

Die Ausstellung im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern wird vom 14. März bis 7. Juni 2015 zu sehen sein. Weitere Station: Historisches Museum Hanau, Schloss Philippsruhe, 3. April bis 3. Juli 2016