Dieter Wellershoff - Bookmarks

Der alte Mann und die Malerei

Der Schriftsteller Dieter Wellershoff führt uns im literarischen Plauderton durch sein ganz persönliches "imaginäres Museum". Für sein Buch hat er über 230 Gemälde von rund 80 Künstlern ausgesucht.
Im imaginären Museum:literarische Kunstkritik von Autor Dieter Wellershoff

Nicht nur eine Schule des Sehens, sondern Inspirationsquelle, Dieter Wellershoff: "Was die Bilder erzählen. Ein Rundgang durch mein imaginäres Museum", 368 Seiten, Klappenbroschur, 39,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch

Was ist drin?

Dieter Wellershoff, bekannt als Autor von Romanen, Erzählungen und Essays, hat nun ein dickes Buch ("Was die Bilder erzählen. Ein Rundgang durch mein imaginäres Museum") über Malerei geschrieben. Die Bilder, denen er darin eine Stimme gibt, entspringen zwar seinen persönlichen Vorlieben, reihen sich aber in eine strenge chronologische Abfolge: Beginnend mit Gemälden der Renaissance von Antonello da Messina, Sandro Botticelli oder Francesco Rosselli, schlägt er einen überraschenden Bogen bis zu Zeitgenossen wie Gerhard Richter oder Neo Rauch.

Was ist die These?

Wellershoffs imaginäres Museum ist für die Leser nicht nur eine Schule des Sehens, sondern Inspirationsquelle für ein eigenes imaginäres Museum.

Die schönste Seite?

Seite 118–120, überschrieben mit "Schnee: Die lautlose Verwandlung der Welt" – Wellershoff beschreibt hier das Naturschauspiel des Schneiens und wie der Schnee Stadt und Land verändert; er zeigt, wie beispielsweise Munch, Radziwill oder Liebermann die flüchtigen Schneemotive auf ihren Bildern fixieren.

Der Autor

Dieter Wellershoff, geboren 1925 in Neuss, hat neben Germanistik (1952 Promotion über Gottfried Benn) und Psychologie auch Kunstgeschichte studiert. Sein schriftstellerisches Werk umfasst Romane (zuletzt 2009: "Der Himmel ist kein Ort"), Novellen, Erzählungen und autobiografische Texte wie zum Beispiel "Der Ernstfall" (1995) über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Er wurde mit etlichen Preisen geehrt, darunter der Hörspielpreis der Kriegsblinden, der Heinrich-Böll-Preis, der Friedrich-Hölderlin-Preis und der Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik. Seine Texte wurden bisher in über 15 Sprachen übersetzt. Seit 1982 lebt er als freier Autor in Köln.

Das Zitat

"Wenn ich den Lesern und Betrachtern dieses Buches einen Rat geben soll, dann kann er nur lauten: Stellen Sie sich das Buch als ein Museum mit vielen aneinandergrenzenden Räumen voller Bilder vor und schlendern Sie, Ihren Interessen und Ihrer Neugier folgend, hindurch. So etwa – von Bild zu Bild wechselnd – habe ich das Buch zu schreiben begonnen."

Wer braucht das?

Dieter-Wellershoff-Fans und Freunde der Malerei, die Abwechslung von der eher unpersönlichen Katalogprosa suchen.

Das gefällt

Die Lektüre von Wellershoffs Texten ist eine Freude, selten wurden kunsthistorische Texte so treffsicher, sprachlich präzise und literarisch formuliert.

Was ätzt die Kritikerin?

Warum konstituieren gerade diese Bilder Wellershoffs "imaginäres Museum"? In seinem Vorwort versucht er eine Erklärung – man müsse die innere Dynamik spüren, die das Bild hervorgebracht hat –, allein: Wirklich aufschlussreich ist das nicht.

Coffee-table-Faktor

2 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"). Eine Art Taschenbuch im Großformat (Klappenbroschur) in düsterem Blau – die bunt darauf gedruckten Namen der besprochenen Maler sind schon aus kurzer Entfernung nicht mehr erkennbar; nur der Name des Autors ist ein Hingucker auf dem Beistelltischchen.

Gewicht

940 Gramm.

Was die Bilder erzählen. Ein Rundgang durch mein imaginäres Museum

Dieter Wellershoff. Kiepenheuer & Witsch, 368 Seiten, rund 230 farbige Abb., 39,99 Euro