Vera Mercer - Bookmarks

Die geschenkte Kamera

Seit fünfzig Jahren fotografiert Vera Mercer Menschen – ein Porträtband präsentiert nun die frühen Schwarzweißfotos aus ihrer Pariser Zeit mit Künstlerfreunden und Cafészenen und die späten Farbaufnahmen, die seit 2012 insbesondere in Omaha, Nebraska, entstanden sind.
Calder, Duchamp, Warhol:Vera Mercer fotografiert seit fünfzig Jahren Menschen

Der Meister der Mobiles, porträtiert von Vera Mercer: "Alexander Calder, near Paris", 1961

Was ist drin?

Als junge Frau bekommt Vera Mercer, 1936 in Berlin geboren, von ihrem damaligen Mann, dem Schweizer Künstler Daniel Spoerri, ihre erste Kamera geschenkt.

Sie beginnt, Freunde und Bekannte zu porträtieren, fotografiert Unbekannte in Pariser Cafés. Ihren ersten Auftrag erhält sie von Jean Tinguely, der sie um Aufnahmen seiner Skulpturen bittet – sie fotografiert auch ihn. Mercer hat ihr Sujet gefunden, weitere Künstlerporträts folgen: zum Beispiel von Andy Warhol, Marcel Duchamp oder Niki de Saint Phalle. Außerdem enthält der Band späte Farbfotografien, die seit 2012 vor allem in Omaha, Nebraska, entstanden sind: Hier inszeniert Mercer die Porträtierten mit um sie herum aufgebauten Stillleben zu stimmungsvollen Tableaux vivants.

Was ist die These?

Vera Mercer gelang es, mit ihren Porträts wichtige Dokumente der internationalen Kunstavantgarde zu schaffen. In späteren Jahren hat sie mit ihren farbigen Stillleben-Inszenierungen ein neues Porträtgenre kreiert.

Die schönste Seite?

Seite 112/113: Zu sehen ist die Schwarzweißaufnahme eines alten weißhaarigen Mannes, der hinter einer Reihe Einweckgläsern in die Lektüre eines Briefs vertieft scheint, der Titel des Fotos lautet "Alexander Calder, near Paris 1961". Von der Decke hängen Küchengeräte, die an Calders Mobiles erinnern.

Der Autor/Herausgeber

Matthias Harder, geboren 1965 in Kiel, ist seit 2004 Hauptkurator der Helmut-Newton-Stiftung in Berlin.

Das Zitat

"Nach Walker Evans und Henri Cartier-Bresson, Willy Ronis und Helen Levitt schaut auch Vera Mercer genau hin, studiert Gestik und Mimik ihrer Mitmenschen, bevor sie sie ablichtet – und so für immer zum Bild erstarren lässt. Es sind keine Bilder aus dem Verborgenen, sondern aus geringer Distanz, aufgenommen mit einem moderatem Teleobjektiv." (aus dem einführenden Essay „Standbilder eines imaginären Filmes“ von Matthias Harder)

Wer braucht das?

Fans der Porträtfotografie – auch unbekannter Menschen, herangezoomt zum Beispiel in Pariser Cafés oder auf asiatischen Märkten.

Das gefällt

Das in dem Band enthaltene Interview mit Vera Mercer gibt weitere Hintergrundinformationen zur Entstehung ihrer Porträts und lässt auch die älteren Bilder aus den sechziger Jahren durch ihr Erzählen wieder aktuell erscheinen.

Was ätzt die Kritikerin?

Leider bietet der Band nur Fragmentarisches aus der Biografie der Fotografin.

Coffee-table-Faktor

4 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände") Ein stattlicher, dicker Band, aber das schwarzweiße Coverfoto kommt einem fast ein wenig zu nah in seiner groben Körnung: Es ist eine Ansicht des Hinterkopfs von Daniel Spoerri aus einer Porträtsequenz, für die Vera Mercer ihren damaligen Mann sukzessive bei einer kompletten Kopfdrehung fotografiert hat, eine Arbeit, die 1960 in Paris entstand.

Gewicht

1300 Gramm.

Vera Mercer. Particular Portraits

Matthias Harder (Hrsg.): . Texte in Deutsch und Englisch. Distanz Verlag, 152 Seiten, 22 SW- und 39 farbige Abb., 39,90 Euro

Am 15. September um 18.30 Uhr präsentiert die Fotografin ihr Buch in der Berliner Bar Babette, Karl-Marx-Allee 36,
http://www.barbabette.com