Friedrich Wilhelm Murnau - Bookmarks

Schöne, junge Männer

Friedrich Wilhelm Murnau (1888 bis 1931), Großmeister der Stummfilmära, knipste auch fürs private Fotoalbum. Bei Dreharbeiten, Ausflügen oder Treffen mit befreundeten Künstlern entstanden intime Erinnerungsfotos.
Intime Erinnerungen:Friedrich Wilhelm Murnaus Erinnerungsfotos

Friedrich Wilhelm Murnau: "Hans Jahnke"

Was ist drin?

Der Bildband fasst bisher unveröffentlichte Privatfotos aus Murnaus Nachlass zusammen. Neben Stadtansichten aus Potsdam und New York, Landschaftsaufnahmen aus der Südsee und Schnappschüssen von anderen emigrierten Kollegen immer wieder schöne, junge Männer – meistens nackt vor der Kamera posierend.

Was ist die These?

Die romantische Sehnsucht lebte in Murnau auch nach seinen erschütternden Erlebnissen im Ersten Weltkrieg fort. Er realisierte seinen schwulen Traum, ob an Berlins Seen, in Hollywood oder in der Südsee.

Die schönste Seite?

Seite 73, Schauplatz ist Murnaus Villa in Los Angeles: Ein junger, nackter Schönling sitzt in beinah rodinscher Denkerhaltung im Ankleidezimmer; sein von Locken umrahmtes Gesicht zeigt sich im Spiegel der Frisierkommode im Hintergrund, durchs Fenster fällt Sonnenlicht auf den mamorn wirkenden Jüngling.

Der Autor

Friedrich Wilhelm Murnau, geboren 1888 in Bielefeld als Friedrich Wilhelm Plumpe, war einer der bedeutendsten deutschen Regisseure der internationalen Stummfilmära. Zunächst studierte er Philologie und Kunstgeschichte in Berlin und Heidelberg, besuchte die Max-Reinhardt-Schauspielschule, arbeitete als Schauspieler und Regieassistent mit Max Reinhardt. Dass er den Künstlernamen Murnau (nach dem bayerischen Ort Murnau am Staffelsee) annahm, gilt nicht nur als künstlerisches Statement, sondern wird auch als Bruch mit der Familie gedeutet, die weder seine Homosexualität noch seine beruflichen Ambitionen tolerierte. Zu seinen Freunden gehörten neben Else Lasker-Schüler auch die Maler des "Blauen Reiters". Ab 1919 arbeitet Murnau in Berlin für den Film. Hier entsteht 1922 sein berühmtestes Werk aus dieser Zeit: "Nosferatu, eine Symphonie des Grauens", das den Nachhall seiner Erfahrungen im Ersten Weltkrieg erahnen lässt. Nach seinen Erfolgen in Deutschland wird er Mitte der zwanziger Jahre nach Hollywood gerufen. Sein Film "Sunrise" (1929) wurde dort gleich mit drei Oscars prämiert. Seinen letzten Film, "Tabu" (1931), drehte Murnau auf eigene Kosten: Auf der Südseeinsel Bora Bora entstand eine wegweisende Mischung aus Melodram und Dokumentation, ausschließlich mit einheimischen Laiendarstellern gefilmt. Noch vor der Premiere des Films starb Murnau bei einem tragischen Autounfall auf der Küstenstraße von Santa Barbara mit nur 42 Jahren.

Das Zitat

"Wir sehen ihn noch vor uns: diesen großen, schönen, lichten Menschen. Jeder, der ihm begegnete wusste sofort: das ist ein Mensch von hoher Art. Eine große Würde und Ruhe war um ihn – aber auch ein Geheimnis. Man hat von der tragischen Atmosphäre gesprochen, die ihn umgab." (Berthold Viertel, 1931)

Wer braucht das?

Murnau-Jünger und Stummfilm-Connaisseure.

Das gefällt

Der Text der Herausgeber Guido Altendorf, Werner Sudendorf und Wolfgang Theis gibt eine umfangreiche Einführung in Leben und Werk von Friedrich Wilhelm Murnau. Die biografischen Notizen von Ruth Landshoff-York und der Nachruf des Regisseurs und Murnau-Freunds Berthold Viertel zeichnen ein ergänzendes Porträt des großen Filmkünstlers.

Was ätzt die Kritikerin?

Der äußerst informative Text der Herausgeber wäre lesefreundlicher, wenn man ihn typografisch klarer gegliedert hätte, ein paar Abbildungen täten das Übrige.

Coffee-table-Faktor

3 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände") Auf dem Cover ein Schwarzweißfoto: der Schatten des Fotografen, ein nackter junger Mann spaziert durchs Schilf am Ufer eines Sees – ein schmaler Bildband der Überraschungen verspricht.

Gewicht

Knapp 800 Gramm.

Friedrich Wilhelm Murnau: Die privaten Fotografien 1926–1931. Berlin, Amerika, Südsee

Verlag Schirmer/Mosel, hrsg. von Guido Altendorf, Werner Sudendorf und Wolfgang Theis. 120 Seiten, 84 Tafeln in Duotone. 34 Euro