Bookmarks: Eurotopians

Bau uns ein Haus, bitte undogmatisch!

Wie kann es gelingen, den gewaltigen Zuzug von Menschen in Ballungsräume zu bewältigen? In Wohnghettos an urbanen Rändern? In einem Familienhaus außerhalb der Stadt? In Ich-AG-Apartments, die gleichzeitig als Büros dienen? Der Band "Eurotopians" von Johanna Diehl und Niklas Maak fahndet nach zukunftsfähigen Modellen des Zusammenlebens. Er findet sie, wenig überraschend, in den sechziger und siebziger Jahren, den goldenen Jahrzehnten revolutionärer Gegenentwürfe.
Bau uns ein Haus, bitte undogmatisch!

Johanna Diehl: "LOVAG I"

Was ist drin?

Sieben Häuser, samt ihrer Erbauer, stehen im Fokus. Alle, bis auf zwei, die inzwischen gestorben sind, leben immer noch in ihren wahr gewordenen Utopien. Der Autor und die Fotografin haben sie vor Ort besucht und nach den Problemen befragt, die das undogmatische Bauen jenseits des Modells Kleinfamilie mit sich brachte. Als Lösungen boten sich schon damals vernetzte Wohnzellen an, die zwar einer Neudefinition des Privaten bedurften, dafür aber keine Langeweile aufkommen ließen.

Die These?

Eine andere Wohnpolitik ist möglich. Die Vergangenheit beweist es. Sozialer Wohnungsbau kann die Gestalt von grünen Terrassenhäusern annehmen, ein Restaurant nur temporär aufgepumpt werden und ein Gotteshaus nicht mehr als 32 Kilogramm Gewicht veranschlagen. Vorausgesetzt, man hält den neoliberalen Kapitalismus auf Distanz, denn der duldet mit seinem Profitdenken keine Abweichung vom Mainstream.

Schönste Seite?

Eine 1200 Quadratmeter große Wohnlandschaft aus Beton- und Stahlkugeln ist in einem Eichenwald an der Cote d´Azur gelandet. Antti Lovag wohnte hier, bis er mit 94 Jahren starb, als letzter "Überlebender" einer Kommune von 1968. Gebaut hat er bis zum Schluss. Vieles aus der Anfangszeit hatte sich die Natur da längst wieder einverleibt. Das kümmerte Lovag nicht, denn es ging ihm gar nicht um eine praxistaugliche Architektur, sondern um "Habitologie", gemeint war damit eine Wissenschaft vom Wohnen. Der ohne Plan wuchernde Behausungskörper sollte atmen und jeden Moment bewegt oder in Einzelteile zerlegt werden können. Stabile Wände brauchte man dazu nicht. Nur Ausdauer, auch als Einzelkämpfer in einem hierarchielosen Kugeluniversum, das, und das beweisen die verwunschenen Fotos, auch ohne die Spezies Mensch auskommt. Der Dorfbürgermeister hat die ewige Baustelle übrigens inzwischen zum nationalen Kulturerbe erklärt.

Der Autor:

Niklas Maak ist Redakteur im Feuilleton der FAZ, Architekturkritiker und Autor von Büchern wie zuletzt "Atlas der seltsamen Häuser und ihrer Bewohner" oder "Durch Manhattan". Johanna Diehl ist Künstlerin und Fotografin von puristischen Serien etwa über utopische Plansiedlungen in Mussolinis Italien oder ehemalige Synagogen in der heutigen Ukraine.

Das Zitat:

"Im jungen Staat Israel entwarf Yona Friedman Häuser, die hier noch mehr wie Utopien für eine andere Zeit aussahen, die genau genommen nur Raster waren, in denen sich die Bewohner das hineinbasteln konnten, was sie gerade brauchten, weswegen er auch faltbare, flexible Wandsysteme entwarf, lauter Dinge, die die Behörden ihm verboten, als er 1952 seinen ersten Wohnblock in Haifa baute."

Wer braucht das?

Jeder, der in WGs einen Segen sieht, kann sich hier die nötigen Impulse holen, um unterforderten Senioren oder der alleinerziehenden Freundin mit Kind eine unkonventionelle Gruppenexistenz anzupreisen. Wer aber lieber als Individualist seine eigenen Wege geht, hält sich an Dante Bini, der dem Autorenfilmer Michelangelo Antonioni und seiner Partnerin, der Schauspielerin Monica Vitti, auf Sardinien einen Sommerunterschlupf baute. Das Paar wollte "mitten im Stein" leben, den man riechen sollte, ohne Wände, dafür mit einer Rosmarinzucht im Haus und natürlich Blick aufs Meer. Das Ergebnis war eine Betonkuppel, die im Innern einem Irrgarten aus frei schwebenden Treppen und verwinkelten Räumen glich. Dank einer Dachöffnung im oberen Teil konnte Regen und Wind hineinkommen. Dieser biodynamische Wellness-Tempel versprach die ultimative Distinktion.

Bau uns ein Haus, bitte undogmatisch!

Cover von "Eurotopians"

Das gefällt:

Ein abwechslungsreicher Führer in aufs Schönste versponnene Architekturlabore, der als nächstes unbedingt auf die USA oder Südamerika ausgedehnt werden sollte.

Das ätzt die Kritikerin:

Wenn Architekten mit Philosophen den gleichen Traum hegen, kommt nicht dringend eine massentaugliche Erlösung von ökonomischen Zwängen heraus. Je länger man in dieser Abfolge von egomanischen Wohnerfahrungstrips blättert, desto mehr kommen Zweifel auf, ob man mit dem, Verzeihung, etwas naiven Optimismus der Hippiezeit wirklich den Auswüchsen des Anthropozäns beikommen kann.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Die Note 3 für die angenehm unaufdringlich bebilderte Erinnerung an eine Ära, als der Glaube an die Moderne noch Berge versetzte.

Gewicht: 750 Gramm.

Johanna Diehl, Niklas Maak: "Eurotopians – Fragmente einer anderen Zukunft"

192 Seiten mit 140 Abbildungen, erschienen beim Hirmer Verlag, München, Preis: 34,90 Euro

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.