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Triumph der Attrappe

Dem 1980 geborenen österreichischen Fotografen Gregor Sailer ist kein Budenzauber fremd. Zwei Jahre lang nahm er für seine Serie "Das Potemkinsche Dorf" in sieben Ländern die Witterung auf, spürte Gebäudekopien, Scheinarchitekturen und Trugbilder von Orten auf, in die sich nie ein Bewohner verirrt hat
Triumph der Attrappe

Gregor Sailer: "Schweden, Carson City"

Was ist drin?      

Alles fängt im alten Russland an. Feldmarschall Grigori Alexandrowitsch Potjomkin baute 1787, so die Legende, für Zarin Katharina II. Dorfkulissen im neu eroberten Krimgebiet auf, um die eigentlich wertlose Bausubstanz der Originale zu verheimlichen. Für Fotograf Gregor Sailer Grund genug, um im heutigen Russland nach aktuellen Täuschungsmanövern zu fahnden. 2013 wurde er in der Stadt Suzdal fündig. Er fotografierte eine inzwischen vernachlässigte Fassade, auf der befestigte Planen aus Anlass eines Putin-Besuchs den Anschein einer glänzenden, ökonomisch potenten Fensteroberfläche erwecken sollten. Auch am Ural in der Stadt Ufa blieb ihm der Möchtegernaufschwung der lokalen Politik nicht erspart.

2015 hielten die BRICS-Staaten, die Eurasische Union und die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit hier einen Dreifachgipfel ab. Um den Aufenthalt angenehmer zu gestalten, optimierte die Stadt ganze Straßenzüge mit Tapeten und Aufklebern, um sich vor den Kameras in perfekter Verfassung zu präsentieren. Wer jetzt glaubt, der Drang zur Rosa-Brille-Attrappe sei ein rein osteuropäisches Phänomen, der wird durch unfassbare, häufig in Sperrgebieten streng bewachte Beweisstücke aus Schweden, China, USA, Frankreich, England und Deutschland des Besseren belehrt. Allen gemeinsam ist: Diese Räume wurden aus politischen, militärischen oder wirtschaftlichen Motiven von Institutionen entworfen und geplant. Einzeltäterschaft ist bei diesen Nachwuchs-Potemkins ausgeschlossen.

Die These?

Niemand ist frei von dem Wunsch, sich und sein Lebensumfeld im besten Licht zu präsentieren. Nicht das französische Militär, das seine Trainingszentren als tatsächlich existierende Dörfer tarnt, nicht die schwedische Fahrzeugindustrie, die ihre Neuwagen in einer Harlem (New York) nachempfundenen "Carson City“ testet, und dabei auch schon mal Puppenpassanten umfahren lässt, oder Chinesen, die nicht nur neugotische Kirchen samt Vorplatz in eine gänzlich anders gewachsene Wohnstruktur verpflanzen, sondern gleich ganze europäische Repliken-Städte. Wohnen möchte in diesen Musterexemplaren einer "fake town“ kaum jemand.

Schönste Seite?

Ästhetische Raffinessen sind in Sailers sachlichen Fotografien Mangelware. Sie sind beinahe so steril wie die künstlichen Objekte ihrer Begierde. Er multipliziert regelrecht ihre Wirkung, um dann auf den zweiten Blick die Desillusionierung entlang von Details des Verfalls, der Abnutzung oder nackter Bretter und Stützpfeiler einziehen zu lassen, die sich hinter diesen mehr oder weniger schlüssig imitierten Welten verbergen. Eine besonders schaurige Filmkulissen-Aura entwickelt der „Urbane Ballungsraum Schnöggersburg“ bei Magdeburg. Die militärische Übungsstätte soll 2020 ihre "Pforten“ öffnen. Auf sechs Quadratkilometern gilt es dann zwischen 500 Gebäuden, darunter eine U-Bahnstrecke, ein Flughafen, ein Friedhof, Hochhäuser und ein Gefängnis, den Ernstfall zu simulieren. 

 Nächster Halt: Leningrad
Was in der apokalyptisch wirkenden Landschaft aussieht wie mystische Kapellen, unwirkliche Behausungen oder futuristische Raumschiffe sind in Wahrheit ganz profane Bushaltestellen. Eine Kaffeefahrt durch die ehemalige Sowjetunion

Der Autor:

Gregor Sailer hat schon mit seiner analogen Plattenkamera Gated Communities, Flüchtlingslager, Geheimstädte, Bunker, Tunnelsysteme und Hochgebirgsarchitekturen dokumentiert. Die Texte steuern Walter Moser, leitender Kurator der Wiener Albertina, Linde B. Lehtinen, Fotokuratorin am San Francisco Museum of Modern Art und die Architektin Judith Lehner bei.

Triumph der Attrappe

Cover von Gregor Sailers Band "The Potemkin Village", Kehrer Verlag

Das Zitat:

Judith Lehner: „Gregor Sailers Erkundung der Potemkinschen Dörfer von heute zeigt präzise jene Orte, die zwar den Problemen unseres Alltags entspringen, deren Lösungen aber abgekoppelt von der alltäglichen Raumproduktion und –anforderung geplant wurden.“

Wer braucht das?

Architekturbewegte und Fotoasketen mit Respekt vor dem administrativen Supergau. Ohne langwierige Antragstellungen, Sondergenehmigungen und zeitlich begrenzte Passierscheine ging bei diesem Projekt nichts.

Das gefällt:

Ein Reiseführer der absurden Art, zwischen Bauklotz-Romantik und Leerstand-Desaster. Das Lachen bleibt einem spätestens beim Anblick der arabisch nachempfundenen Übungsdörfer im Halse stecken, wenn die Palmen, Moscheetürme und vergoldeten Hotellobbys im tödlich wehenden Wüstensand versinken, ohne dass ein einziger US Marine zu sichten wäre.

Das ätzt die Kritikerin:

Die allzu biegsamen Buchdeckel gleichen selbst einer schlechten Bildbandimitation. Aber bei so viel bedrohlich wackligem Content ist das ablenkende Gummigefühl in den Händen beinahe beruhigend.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Die Note 3 für die geballte Ladung von rund dreihundert Seiten Trompe-l´oeil-Ödnis.

Gewicht:

1260 Gramm.

The Potemkin Village

Gregor Sailer: "The Potemkin Village", 304 Seiten mit 157 Farbabbildungen, erschienen beim Kehrer Verlag, Heidelberg Berlin, Preis: 58,00 Euro

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.