Bookmarks: "Architecture of an Atom"

Dostojewkischer Kosmos

Ein Comic der Künstlerin Juliacks sprengt nicht nur mediale Grenzen, sondern überzeugt auch mit der Vermengung von Bild und Text zur grafischen Gesamtkomposition.
Dostojewkischer Kosmos

Juliacks: "Architecture of an Atom", Detail

Was ist drin?

"Architecture of an Atom" lässt sich nur schwer in Worte fassen. Auch weil es gleichberechtigter sowie eigenständiger Teil einer transmedialen Serie von Tanz, Malerei, Videoinstallation, Skulptur und Collage ist, strebt Künstlerin Juliacks eine Abkehr von konventionellen Lesarten an. Anhand junger Erwachsener aus aller Welt, die sich auf fremden Terrain befinden, untersucht Juliacks Formen von Konfliktmanagement und ihren Einfluss auf Gruppendynamiken. Einen erhöhten Schwierigkeitsgrad erfährt diese Versuchsanordnung durch den plötzlichen Tod zweier Mitglieder der Clique.

An wechselnden Orten, welche Frankreich oder ein Schwimmbecken in den Alpen sein können, durchsetzt von Einsprengseln aus Winnipeg, Rom und New York, manifestiert sich die allgegenwärtige Macht von Sprachbarrieren, die der stetige Wechsel von Comicseitenarrangements – mit stilistisch zwischen Pollock, Hundertwasser und Kartoffeldruck pendelnden Illustrationen – ebenbürtig unterstreicht.

Die These?

Immersion, das Eintauchen in eine fiktive oder fremde Welt, wird hier mittels eines am Anfang der Handlung dargestellten Schwimm- und Tauchkurses symbolisiert. Gleichzeitig erfährt so der langwierige Prozess der Einwanderung, als Versuch einer Anpassung an eine neue Umgebung unter Aufgabe der gewohnten Lebensweise, Abstraktion als vergeblicher Versuch, unter Wasser zu atmen. Die allgemeine Sprachverwirrung trägt zum Luftmangel bei und weist auf die Dringlichkeit einer Bereitschaft zur Verständigung hin, was nicht zwangsläufig verbal geschehen muss. Es ist ein Appell, verstärkt durch die vom eigenen Schaffen propagierte Erweiterung des künstlerischen Vokabulars, auch an den Willen zur Auseinandersetzung mit dem aktuellen Weltgeschehen.

Schönste Seite?

Die doppelseitige Einleitung, die im Verlauf der Handlung eingesetzte Motive komprimiert und als geballte Ansammlung von Miniaturbildern präsentiert und somit eine erste Orientierungshilfe in diesem ausladenden visuellen Kosmos bietet. Gleichzeitig wird die Vorgehensweise der Künstlerin erkennbar, die das Vermengen von Wort und Bild zur grafischen Gesamtkomposition zum Ziel hat, und damit dem Weg folgt, den auch Künstlerinnen wie Margot (vormals Sarah) Ferrick, Lale Westvind oder Dominique Goblet gegenwärtig verstärkt beschreiten.

Die Künstlerin:

Julia C. K. Steins Motivation für ihre jüngste Veröffentlichung rührt eventuell aus ihrem Pendeln zwischen Aufenthaltsorten in den USA und den Niederlanden. "Architecture of an Atom" ist zudem nicht ihr erster Comic, der auf multimediale Auswertung angelegt ist. Von "Invisible Forces" (2011) gibt es eine Kurzfilm-Variante, "Swell" (ebenfalls 2011) existiert in anderer Form als Theaterstück.

Dostojewkischer Kosmos

Juliacks: Architecture Of An Atom

Das Zitat:

"We have eyes that ache."

Wer braucht das?

Als Werk von visueller Eigenständigkeit, das durch Ideenreichtum, einfallsreiche Abstraktion und Vielfältigkeit beeindruckt sollte es auch über den Kreis von Atomphysikern hinaus auf Gegenliebe stoßen.

Das gefällt:

Die Positionierung der Künstlerin zum Comic an sich. In ihrem Nachwort schreibt sie: "Dieser Comic (Stein benutzt hier im Original interessanterweise den Begriff 'Comic Book', welcher in Nordamerika das gemeine Comicheft bezeichnet) ist keine Aneinanderreihung von Storyboards. Es ist eine weitere Sprache mit einem eigenen Vokabular." Für eine Künstlerin, die versucht, in ihrem Schaffen verschiedene Schnittstellen zwischen darstellender und performativer Kunst simultan zu besetzen, ein erstaunlich comicfreundliches Statement, welches die Wichtigkeit von "Architecture of an Atom" als Comic und dessen Stellenwert innerhalb der verschiedenen Ausdrucksformen betont. Und, vielleicht würde man ja Humor in einem, die Leser derartig durch Gewichtigkeit, Volumen und Handlungspersonal von Dostojewkischen Proportionen erschlagenden Werk zu allerletzt vermuten, aber einen der Protagonisten mit dem Namen 'Cohl Hauser' zu bedenken, schließt diese Möglichkeit zumindest nicht aus.

Das ätzt der Kritiker:

Ein Lesebändchen hätte nicht nur das haptische Vergnügen an diesem bibliophilen Schmuckstück potenzieren, sondern weitere Orientierungshilfe bieten können.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

5. Durch die galerietauglichen Bilder sollten selbst dem Comic nicht unbedingt zugeneigte Personen das Blättern in dem wuchtigen Band, dessen schwarz glänzender Buchschnitt zudem den monolithischen Aspekt des Druckwerks unterstreicht, als verlockend empfinden.

 
Gewicht:
Über ein Kilo.

Juliacks: Architecture Of An Atom

Hardcover, 296 Seiten, zirka 38 Euro, 2dcloud, Minneapolis