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Trump tanzte nie

Vor 40 Jahren eröffnete Ian Schrager den berühmtesten Nightclub der Welt. Das New Yorker Studio 54 stand für hemmungslose Partys, Drogenexzesse und wilden Sex. Andy Warhol feierte hier mit Bianca Jagger und Liza Minnelli tobte mit Mikhail Baryshnikov über das Parkett. Auch Donald Trump gehörte zu den Stammgästen – aber er tanzte nie und war wohl auch sonst nicht amüsant.
Trump tanzte nie

Party in New Yorks legendärem "Studio 54"

Was ist drin?

Der frühere Clubbesitzer Ian Schrager ist durch sein Archiv gegangen und hat Fotos und alte Zeitungsausrisse aus den Klatschspalten zusammengetragen. Die Schwarzweiß-Schnappschüsse von Keith Richard, der mit Chuck Berry scherzt, Andy Warhol im Gepräch mit Lou Reed, Michael Jackson am DJ-Pult, dem jungen David Bowie, einem die Hüften schwingenden Truman Capote, Bianca Jaggers Geburtstagsparty oder Karl Lagerfelds Versailles-Fete und Diana Ross, die Richard Gere auf die Tanzfläche führt, sind unterhaltsam.

Aber noch interessanter ist Paul Goldbergers Essay über das New York der siebziger Jahre – und warum uns das New York von damals heute noch so fasziniert.

Die These?

Die siebziger Jahre in New York sind das genaue Gegenteil der heutigen Zeit: Die Stadt war dreckig, zugemüllt, gefährlich und stand kurz vor dem Bankrott. Künstler und Musiker oder Menschen mit normalen Berufen konnten sich das Leben in New York City noch leisten, Wall-Street-Banker waren noch keine Großverdiener. Damals liefen Reiche aus der Stadt weg – heute legen sie ihr Geld in Immobilien in Manhattan an. Geld zählte damals weniger, die alte soziale Ordnung war aufgehoben – so konnten sich Kunst und Kreativität entfalten. Und es gab Raum für freie, gesellschaftliche Experimente wie Studio 54. Bis die Aids-Krise der Party ein bitteres Ende bereitete und all die Berühmtheiten mit ihren Drogenproblemen in Entzugskliniken eincheckten.

Schönste Seite?

Das Foto von den beiden Nachtclub-Chefs Ian Schrager und Steve Rubell und all den Mitarbeitern im Studio 54: Bis auf die einzige Frau im Team sehen die Herren aus wie Grundschullehrer und nicht wie eine coole Nightclub-Crew. Sie hätten es garantiert nicht an den strengen Türstehern vorbeigeschafft.

Der Autor:

Der heute 71-jährige Ian Schrager war nicht nur erfolgreicher Clubbesitzer. Der New Yorker hatte schon immer ein Gespür für seine Zeit. Er kreierte die ersten Boutique-Hotels wie das Delano in Miami Beach und das Mondrian in Los Angeles. Schrager wollte erst Anwalt werden, aber stürzte sich 1977 gemeinsam mit seinem College-Freund Steve Rubell in das Nachtleben. Im ersten Jahr nahmen die beiden mit Studio 54 sieben Millionen Dollar ein. 1980 wurden sie wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Sie saßen 13 Monate ab. Studio 54 schloss am 4. Februar 1980 mit einer Party und wurde von Investoren übernommen. Steve Rubell ist 1989 an Aids verstorben.

Trump tanzte nie

Cover von "Studio 54", herausgegeben von Ian Schrager, Vorwort von Bob Colacello, Rizzoli

Das Zitat:

Diana Ross: "We danced the night away."

Wer braucht das?

Alle Nostalgiker und New-York-Fans.

Das ätzt die Kritikerin:

Studio 54 war so erfolgreich, weil Schrager und Rubell die Outsider-Kultur der damaligen Gay Clubs mit dekadenten Pomp vermarkteten und einen Mix aus Berühmtheiten, Künstlern, alten Herren und jungen Frauen, High Society, Schwulen, Lesben und regulären Partygängern, die um Eintritt bettelten, zusammenbrachten. Die ganze Show wurde mit Drogen und Sex im Keller auf Hochtouren gehalten. Und die Fotografen waren stets zur Stelle, um alles schön in Bildern festzuhalten. Dies war der Anfang der Celebrity-Kultur. Und der Beginn einer Ära, in der das Foto, das beweist, dass man dabei war, mehr zählt als das Erlebte.

Das gefällt:

Donald Trump war mit Gattin Ivana ein regelmäßiger Club-Gänger, aber für Schrager nicht weiter erwähnenswert. Dafür meldeten sich andere wie der spätere Studio-45-Betreiber Mark Fleischman zu Wort: Trump war ein Langweiler (der weder trank noch Drogen nahm), der den Frauen hinterher schielte und die Nähe zu Berühmtheiten suchte. Getanzt hat er nie. Und er war dermaßen uncool, dass er viel zu früh vor allen anderen Gästen zur Eröffnung des Clubs auflief.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Note 3 für einen unterhaltsamen Hingucker – allein schon wegen des Covers mit dem legendären Studio-54-Logo.

Cees Nooteboom: "Karl Blossfeldt und das Auge Allahs"

Hardcover, 80 Seiten mit 26 Abbildungen, erschienen beim Schirmer/Mosel Verlag, München, Preis: 19,80 Euro