Bookmarks: Cees Nooteboom über Karl Blossfeldt

Vom Zauber der Kürbisranken

1928 veröffentliche Karl Blossfeldt das inzwischen legendäre Fotobuch "Urformen der Kunst". Knapp neunzig Jahre später spürt der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom in einem Essay der anhaltenden Faszination des Klassikers nach und entdeckt in den vergrößerten Pflanzenabbildungen das Ende einer ästhetischen Unschuld.
Vom Zauber der Kürbisranken

Karl Blossfeldt: "Cucurbita sp., Kürbisranken (Tafel 1)"

Was ist drin?

Der Kunstgewerbler Karl Blossfeldt hatte die Fotos als didaktisches Anschauungsmaterial für seine Studenten an der Berliner Hochschule aufgenommen. Sie sollten sie zu neuen Formen in der Kunst inspirieren. In der Bibliothek des Amsterdamer Rijksmuseum schlägt Cees Nooteboom nun ein Exemplar von "Urformen der Kunst" an einer zufällig gewählten Stelle auf und landet bei der Bildtafel Nummer 11. Die "Hütte", die sich als Samen einer Skabiose entpuppt, animiert ihn zu einer peniblen Beschreibung.

Blatt um Blatt arbeitet er sich dann vor durch eine Sammlung, "die an bronzegegossene Ornamente denken lässt, an extrem ausgeklügelte Konstruktionen, zuweilen bizarre Formen, die an glänzendes Metall erinnern, dann wieder an symmetrische Flügel von genialer Ingeniosität oder totenstille Pflanzenformen in einem reglosen Element, Blätter, Knospen, Stängel alle gnadenlos sie selbst in einer Welt absoluter Stille." Es ist der Beginn einer Recherche, die Nooteboom in die Pinakothek der Moderne in München führt, zu den Vorläufern Blossfeldts und zu der Wirkweise des eigentlichen Erschaffers der Pflanzen: der Natur.

Die These?

Hat man sich einmal auf den sachlich emotionslosen Zauber der vergrößerten Blumen und Insekten, auch die hat Blossfeldt fotografiert, eingelassen, ist es mit der Unschuld des Sehens vorbei. So erging es zumindest Cees Nooteboom, der "nie mehr einen Libellenflügel oder einen simplen Grashalm betrachten" kann, "ohne dahinter eine in Bronze gegossene Skulptur zu sehen, die uns wie der graue Schimmer auf dem Fernsehbildschirm etwas über unsere fernste Herkunft erzählt."

Schönste Seite?

Sechs Abbildungen von Kürbisranken lassen keinen Zweifel daran, dass die Natur es bei allem Zweckstreben recht verspielt mag. Die Lockenbildung dieser Wesen ist gewaltig, die Stängel drehen sich so lange um die eigene Achse bis jeder Weg aus der eigenen Schnörkelverliebtheit versperrt ist.

Der Autor:

Das Reisen ist ein zentraler Topos im Werk des 1933 in Den Haag geborenen Prosaisten, politischen Reporters, Essayisten und Lyrikers. Sein Drang, die Welt zu sehen, beschränkt sich aber nicht auf imaginäre oder tatsächliche Ortswechsel. Immer wieder widmet sich Cees Nooteboom in seinen Essays dem weiten Feld der Kunst und schreibt über Architektur, Film, Fotografie und die Malerei eines Velázquez oder zuletzt Hieronymus Bosch.

Vom Zauber der Kürbisranken

"Cees Nooteboom. Karl Blossfeldt und das Auge Allahs", mit 26 Fotografien von Karl Blossfeldt, 80 Seiten, Schirmer/Mosel

Das Zitat:

"Je länger ich schaue, umso rätselhafter wird diese Welt. Aus ihr spricht ein Wille, ein unerbittlicher Wille, da zu sein; während es auf diesen Bildern totenstill ist und nichts sich regt, spürt man, dass der Drang, der sie beherrscht, durch Zauberei auf einem Höhepunkt ihres Daseins zum Stillstand gebracht worden ist. Es sind keine Totenmasken, und doch bewegt sich nichts, kein Wind weht durch diese Welt, diese Pflanzen werden sich nie mehr bewegen, sie präsentieren sich im Augenblick ihres Todes, benutzen die Photographie, um für immer in diesem Augenblick zu verharren."

Wer braucht das?

Blossfeldt-Verehrer und alle, die es dank der mäandernden Sprache von Cees Nooteboom werden wollen.

Das gefällt:

Die philosophische Reise, die Cees Nooteboom in diesem schmalen Bändchen unternimmt, reicht von den ersten Protonen der Evolution bis zu dem “Beinahe-Nichts“ des Universums. Er streift die Frage, warum es auf anderen Planeten keine Pflanzen gibt ebenso wie das aristotelische Geheimnis, warum diese überhaupt nach Form streben. Eine von vielen Antworten findet er in einer Erzählung von Rudyard Kipling. "Das Auge Allahs" handelt von einem mittelalterlichen Mönch, dessen Buchillustrationen dank der Verwendung eines Mikroskops aus dem Rahmen fallen. Der Muslim, der ihm das Gerät überlassen habe, nannte es das "Auge Allahs", weil es simple Schneeflocken in raffinierte Kristalle verwandeln könne, gibt der Beschenkte seinen erstaunten Mitbrüdern zur Erklärung. Ähnliches habe nach Nooteboom auch Blossfeldt mit seiner neuen Grammatik des Sehens geleistet. Wie er diese Analogie, schweifend durch die europäische Kulturgeschichte von Novalis über Walter Benjamin bis zu Georges Bataille begründet, ist schlicht ein Genuss.

Das ätzt die Kritikerin:

Was an diesem handlichen Kleinod stören könnte, ist höchstens seine bescheidene Kürze.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Definitiv ein Taschenbuch: 1.

Gewicht: 171 Gramm.

Cees Nooteboom: "Karl Blossfeldt und das Auge Allahs"

Hardcover, 80 Seiten mit 26 Abbildungen, erschienen beim Schirmer/Mosel Verlag, München, Preis: 19,80 Euro