The Death of Graffiti

Ist Graffiti tot?

Von wegen Straßenkunst: Graffiti hat seine Ideale verraten und verkauft, so schreibt der ehemalige Sprayer Oliver Kuhnert, und schlägt der Graffiti-Szene achtzehn streitbare Thesen an die Tür. Die weiß sich zu wehren.
Ist Graffiti tot?

Im Dezember löste Banksy mit der Übermalung eines Graffitos von King Robbo eine populäre Szene-Fehde aus

Straßenkunst, die den grauen Alltag ein Stück weit bunter macht? An Hauswänden hinterlassene Botschaften mit politischer Sprengkraft? Wichtiger Ausdruck von individueller Freiheit? Oliver Kuhnert sieht das Phänomen Graffiti etwas nüchterner. Jahrzehnten nach seiner Erfindung auf den Straßen US-amerikanischer Metropolen sei Graffiti vom aufrührerischen Ausdruck von Protest zum inhaltsleeren Hobby einer reaktionären Szene geworden, welche bloß noch um sich selbst kreist – so behauptet der ehemalige Sprayer Kuhnert zumindest im Buch "The Death of Graffiti", welches nun bei PossibleBooks/Menetekel erschien.

Graffiti hat sich verkauft

Und es sind durchaus nachvollziehbare Argumente die er gleich zu Anfang des 350-Seiten Wälzers in achzehn streitbaren Thesen aufführt: Graffiti sei schon lange nicht mehr Gegenprogramm zur Konsum- und Werbekultur, sondern maximal noch ihr Spiegelbild. Graffiti hat sich laut Kuhnert selbst überholt und verkauft: Kein Wunder also, dass es nicht nur in den Museen und Galerien angekommen ist, sondern längst auch als Werbe- und Vermarktungsmittel eingesetzt wird. Anstatt das "Geschrei“ der Zeichen und Bilder, mit denen man im urbanen Raum täglich bombardiert wird, zu unterlaufen, gliedert sich die Straßenkunst also nahtlos in das System ein, unterscheide sich weder inhaltlich noch stilistisch von bunten Werbebotschaften.

Vor allem die Graffitisten im Bereich "Stylewriting“, also dem bloßen Schreiben von Namenszügen, sprayten so kaum für eine "große Sache“, vermittelten keine Inhalte (wie es Stars wie Banksy immerhin vorgeben zu tun) sondern würden nur für ihren persönlichen Ruhm arbeiten. Es sei am Ende die immer gleiche Bildsprache, die eigentlich seit der Erfindung der Spraydose kaum ästhetische Neuerungen hervorbringt, und es gehe nur um eine kleine Szene, die mit ihrer "persönliche Freiheit"-Rhetorik eigentlich keine Revolution anstoßen, sondern bloß ihr eigenes Tun rechtfertigen will (schließlich gelte die Besitzablehnung der Sprayer oft nur für fremdes Eigentum – das eigene Bild gilt als unantastbar).

Banksy Graffiti
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Antworten aus der Szene

Steile Thesen also, die Kuhnert da anschlägt, und die Herausgeber Jo Preußler vorab und mit der Bitte um Stellungnahme an Vertreter der Graffiti-Szene, aber auch an Kulturwissenschaftler und Medientheoretiker geschickt hat. Und so besteht der Rest des Buches nun aus eben diesen Repliken – aus Gegenpositionen, Apologetiken und Konterangriffen. So vielseitig nun die Empfänger dieser Thesen sind, so verschieden sind auch deren Antworten: Während sich Jenz Steiner oder Markus Mai etwa in Jugenderinnerungen verlieren, ihre Liebe zu Graffiti mit berührenden Geschichten über das heimliche Erkunden von Stadt und Land erklären, geht ID33 in seinem witzigen Text in die Offensive und mockiert sich über die täglich neuen "kleinkarierten Todeserklärungen“ die die Feuilletons überschwemmen.

Ist Graffiti tot?

Cover von: "The Death of Graffiti"

Und viele gute Punkte entkräften tatsächlich Kuhnerts Ansatz im Laufe der 32 Repliken. Tatsächlich scheint an der Sichtbarkeit von Untergrundkultur sofort ablesbar, ob eine Stadt "lebt". Das Botschaften an Wänden in vielen Ländern noch unerwünscht sind und deren Urheber von politischer Verfolgung bedroht sind zeigt auch, dass Kuhnerts Absage an das politische Potential von Graffiti nicht so universal zutreffen kann. Und vor allem: Muss eine Kunstform überhaupt politisch sein? Hat Graffiti, wie Moritz Klein schreibt, letzlich nicht einfach das selbe Kapitalismus-Problem wie jede andere Kunstgattung im 21. Jahrhundert auch?

Ja, vielleicht ist Oliver Kuhnert mit seinen Thesen, die nur auf einen überschaubaren Teil der unübersichtlichen Szene anwendbar scheinen, wirklich in die Theorie-Falle getapp. Er ist nah dran am "Kulturpessimismus“, an "protestantischem Bilderverbot“ – und lässt dabei viele interessante Fragen, etwa nach der Männerdominanz im Graffiti, unangesprochen.

Und so ist man dankbar für die vielen Denkansätze, die die Erwiderungen zum Diskurs liefern. Sie schaffen etwas, das höchstwahrscheinlich nicht im Sinne des Autors war: Das Buch "The Death of Graffiti" ist am Ende dessen bester Lebensbeweis.

The Death of Graffiti

Jo Preußler/Cogitatio.Factum (Hrgs.), 352 Seiten, in deutscher Sprache, 140 x 225 mm, Softcover mit Umschlag.