Bookmarks: Caroline – Alberto Giacomettis letztes Modell

Rot stand ihr gut

Sie war die letzte große Liebe von Alberto Giacometti – und sein letztes Modell. Ein Buch beschreibt jetzt die Beziehung des Bildhauers mit der 40 Jahre jüngeren Prostituierten Yvonne-Marguerite Poiraudeau, genannt Caroline.
Rot stand ihr gut

Alberto Giacometti und Caroline Tamagno im Gespräch in der Bar "Chez Adrien" in Paris, 1959, unbekannter Fotograf

Was ist drin?      

Wer nur die ausgemergelten schwarzen Geher oder die gipsweißen Statuen kennt, staunt nicht schlecht beim Anblick der bunten Porträtzeichnungen im Bildteil von Franck Mauberts Annäherung an Caroline, die fast 40 Jahre jüngere Prostituierte, die Giacometti vor seiner Krebserkrankung regelmäßig traf. In den meisten Biografien tauchte sie bisher nur schemenhaft auf. Grund genug für den französischen Romanschriftsteller, um Yvonne-Marguerite Poiraudeau, wie sie eigentlich hieß, 45 Jahre später verarmt in einer schäbigen Wohnung in Nizza aufzuspüren und ihr einige Erinnerungsfetzen zu entlocken.

Die These?

Ohne die Bars und Huren wäre der nächtliche Bordell-Besucher und notorische Zweifler Giacometti verloren gewesen. Dank Caroline, mit der er im feuerroten Sportwagen die Boulevards verunsicherte, fand er kurze Momente des Vergessens von der Mühsal, ein Jahrhundertkünstler zu sein.

Modellsitzen für Fortgeschrittene
Schriftsteller James Lord ließ sich einst mehrfach von Alberto Giacometti porträtieren. 1965 schrieb er ein Buch über diese nervenaufreibende Erfahrung. Eine Verfilmung seziert den Schaffensprozess en detail – und weiß dabei mit Dialogkomik zu unterhalten

Schönste Seite?

Gleich auf mehreren Seiten posiert Caroline, deren Gesichtszüge zwischen plötzlichem Schrecken und abwesender Leere schwanken, im roten Kleid. Eine Farbe, die ihr mehr als nur Leben einhaucht. Sie scheint sich peinlich ertappt zu fühlen angesichts der Energie, die sich in ihren steif ausharrenden Körper einschleicht.

Rot stand ihr gut

Der Autor:

Der Pariser Franck Robert, 1955 geboren, hat bisher drei Romane und zahlreiche Essays über Henri Toulouse-Lautrec, Serge Gainsbourg oder die Kunstfamilie Maeght veröffentlicht.

Das Zitat:

"In seinen Augen ist sie keine Frau wie die anderen. Sie ist eine riskante Frau, und auch deswegen schätzt er sie. Er weiß, dass ihr Engelsgesicht viele Schatten birgt. Caroline ist stets das genaue Gegenteil jener Frau, die er geheiratet hat, der sittsamen Annette. Sie spielt damit, sie verrät ihm nicht alle ihre Geheimnisse, spricht von keinem ihrer anderen Halbstundenmänner, weder von ihren Beschützern noch von ihren Zuhältern."

Wer braucht das?

Alle, die durch den Film "The Final Portrait" auf den Geschmack gekommen sind und immer schon wissen wollten, wie das Leben ehemaliger Musen weitergeht.

Das gefällt:

Ein handliches, geschmeidig geschriebenes Bändchen mit einem einzigen Schwarz-Weiß-Foto des in einer Bar turtelnden Paars und einer kurzen aber feinen Caroline-Galerie im Hinterteil.

Das ätzt die Kritikerin:

Eigentlich schade, dass die müde Ex-Geliebte nur wenig Handfestes über ihre einstige amour fou zu erzählen hat. Worauf ihre gegenseitige Faszination beruhte, kann man nur erahnen. Vielleicht liegt das daran, dass Giacometti nicht der einzige Senior blieb, dem Caroline nach seinem Tod Gesellschaft leistete. Sie lernte ihn als gut gelaunten Charmeur kennen, das leibhaftige Gegenprogramm zu dem Bürgerschreck, der in der Öffentlichkeit streitbar und notorisch deprimiert auftrat. Diese wenig bekannte Seite nimmt man immerhin von den in Trauer und Melancholie dahin plätschernden Gesprächen mit Maubert mit.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Definitiv ein Taschenbuch: 1.

Gewicht:

206 Gramm.

Caroline: Alberto Giacomettis letztes Modell

Franck Maubert: "Caroline: Alberto Giacomettis letztes Modell“. Hardcover, 112 Seiten, erschienen beim Piet Meyer Verlag, Wien und Bern, Preis: 16,00 Euro

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.