Bookmarks: Anna Haifischs "Drifter"

Ruhelose Seelen

Das Gefühl von Verlorenheit ist großes Thema in Anna Haifischs poetischem Großstadt-Comic, der sich als echtes Kleinod nicht um Konventionen schert.
Ruhelose Seelen

"Hi lemur, did anyone tell you yet that you have the nicest fur in the whole zoo?", aus Anna Haifischs "Drifters"

Was ist drin?

Eine melodramatische Großstadtballade über Hunde, Lemuren und das Unvermögen, zu funktionieren. Todessehnsucht inklusive, stammt der Name der Lemuren doch von ruhelos umhergeisternde Seelen Verstorbener der römischen Antike. Fortgeschrieben ist "Drifter" in der Tradition des Gefühls der Verlorenheit von "The Artist". Haifischs sonst stärker im Vordergrund stehender fatalistischer Humor bricht dabei seltener durch. Was am Ende bleibt, ist der Tod oder ein Hundeleben.

Die These?

Es wirkt, als wolle Haifisch sich vom Comic-Zirkus freischwimmen, der ihr schon länger Unbehagen verursacht. Dass mit ihrer grundlegenen Distanz eine Grundvoraussetzung mitbringt, um Konventionen auf den Kopf zu stellen, belegen ihre Vorgängerwerke. Hier allerdings, in einem amerikanischen Winzverlag, losgelöst von den Formatvorgaben einer regelmäßigen Online- oder einmaligen Buchproduktion und öffentlicher Aufmerksamkeit, schafft die Autorin ein Kleinod innerhalb der Kunstform, in dem ihr eigener getriebener Geist sich allein auf die künstlerische Intention verlässt. Das zeigt sich auch in den Freiheit atmenden übergroßen Bildern, denen die Panels abhandengekommen sind.

Die schönste Seite?

Der Engel der Gewässer, der dem Zweifler den Weg zum Fährmann Charon weist. Umwabert von fluoreszierenden gelben und orangen Silhouetten zeigt das ergraute und mit massiver Präsenz in den Bildvordergrund drängende Monument des in Beton erstarrten himmlischen Boten einen scheinbaren Ausweg aus der Lebensmüdigkeit.

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Die Künstlerin:

Anna Haifisch hat auch dieses Jahr bereits recht ereignisreiche Monate hinter sich: Neben der Mitorganisation des jährlich in ihrem Geburts- und Wohnort Leipzig stattfindenden "Millionaires Club" und der Nominierung von "The Artist" für den Buchpreis der Los Angeles Times, verbrachte sie einige Zeit als Stipendiatin im Linzer Atelierhaus Salzamt, wo Teile von "Drifter" entstanden. Im vergangenen Jahr mit dem e.o.plauen-Förderpreis ausgezeichnet, ist Haifisch gegenwärtig eine der wenigen Comic-Künstlerinnen hierzulande, die sowohl im Feuilleton, bei Comicfestivals und Kunstgalerien Anklang findet und zudem noch im Ausland erfolgreich ist.

Ruhelose Seelen

Comic-Kleinod von Anna Haifisch: "Drifter"

Das Zitat: 

"The world,
   so big,
 has room for everything,
           but not for all."

Wer braucht das?

Die Schnittmenge von Haifischs Zielgruppe ist groß: Der Comic-Interessierte wird hier die Evolution einer nicht mehr nur dem Kapitel oder dem Seitenende gehorchenden Erzählökonomie, wie sie noch in den "The Artist"-Folgen auf Vice.com vorherrschte, verfolgen wollen. Leser die besonders dem literarischen Gehalt der Wortkomposition Wert beimessen, dürften Freude an der Interaktion von dem Bewusstseinsstrom entspringenden Sätzen und ihrer visueller Um- und Fortsetzung haben. Der passionierte Galeriebesucher hat sowieso vergnügen, weil fast alle Bilder nach einer adäquaten Hängung schreien.

Das gefällt:

Das elegante Zusammenspiel von aus Alltagsbeobachtungen schöpfender Lyrik und der dem Großformat gehorchenden Fokussierung auf das Bilddetail wird durch eine knallige Kolorierung transportiert, welche einmal mehr Haifischs Hang zu leuchtenden Neonfarben belegt. Vor allem aber wird das Auge durch die Farbgebung wie von einer Sonneneruption attackiert und brennt sich so direkt in die Netzhaut des Lesers ein.

Das ätzt die Kritikerin:

Niemandem der für die Herausgabe Verantwortlichen ist das anzukreiden, aber die anfallenden Portokosten aus Übersee werden Sie vermutlich ruinieren.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Ist vorhanden. Man scheint sich mit der Größe von 25,4 cm x 33 cm die Anmerkungen bezüglich Coffee-Table-tauglicher Formate aus dem "The Artist"-Bookmark vom letzten Jahr zu Herzen genommen zu haben.

Gewicht

Leicht wie die Kunst.

 

Anna Haifisch: Drifter

Überformatiges Heft in Risograph-Druck mit Spiralbindung, limitiert auf 400 Exemplare, 20 Seiten, zirka 22,00 €, erschienen bei Perfectly Acceptable, Chicago

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.