Körperbilder in der Kunst

Haut und Knochen

Schönheit, Sexualität, Identität: Der menschliche Körper übt seit jeher eine besondere Faszination auf Künstler aus. Von der prähistorischen Fruchtbarkeitsstatue bis zur modernen Performance zeigt nun ein großer Bildband den Körper als Material mit unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten
Haut und Knochen

Stelarc: "Ear on Arm", 2006–7, im Labor hergestelltes Ohr, auf den Oberarm transplantiert

Was ist drin?

Dieses Buch ist genau das, was der Titel verspricht: ein Katalog über Kunst, die sich um Körper dreht. Es ist, laut Vorwort, das erste Buch, das sich ausschließlich mit diesem Thema beschäftigt. Der 439-seitige Band ist voll mit Körperdarstellungen von der Antike bis zur Gegenwart.

Eingeteilt ist der Band in zehn Kapitel: Schönheit, Identität, Macht, Religion & Glauben, Sex & Gender, Verkörperte Gefühle, Die Grenzen des Körpers, Körper & Raum, Der erbärmliche Körper und Der abwesende Körper. Diese Kategorien werden jeweils mit aufschlussreichen Texten eingeführt. Eine hintergründige Einleitung in das Thema und schlussendlich auch noch ein Zeitstrahl, in dem einige der zuvor besprochenen Werke in historische Fakten und gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet werden, machen das Buch zu einem wichtigen Beitrag zum Thema Körper in der Kunst.

Die These?

Der menschliche Körper wird seit jeher in allen Genres der Kunst als Metapher, Modell und Medium genutzt. Das mag zum einen durch die Faszination des Menschen mit sich selbst bedingt sein, zum anderen durch das mannigfaltige Potential zum Ausdruck abstrakter Konzepte, das unser Körper bietet. Bei der Interaktion mit unseren Mitmenschen reagiert das menschliche Gehirn unmittelbar mit einer Art neuronalen Spiegelung der Gefühle und Gemütszustände, die über die Mimik transportiert werden. Dieses Prinzip funktioniert sehr ähnlich bei der Betrachtung von Körperdarstellungen in der Kunst: Die in Kunstwerken jeglicher Art dargestellten Gefühle und Stimmungen können unmittelbar vom Betrachter selbst empfunden werden.

Schönste Seite?

Sich für die schönste Seite zu entscheiden hieße, sich für ein Lieblingskunstwerk zu entscheiden. Brechen wir es also zumindest auf drei Seiten und die jeweiligen Kunstwerke herunter: Félix Vallottons "Gesäßstudie" auf Seite 32 (simpel, aber kühn – nichts geht über einen detaillierten Po!), Louise Bourgeois' "Naturstudie" auf Seite 101 (ein Mischwesen: weiblich und männlich, menschlich und tierisch, stark und verletzlich) und schließlich auch Marina Abramovićs Performance "Rhythmus 0" auf Seite 132 (eines der extremsten Beispiele der Perfomancekunst, die die Künstlerin an ihre körperlichen und geistigen Grenzen gebracht hat).

Die Kämpferin
Sie lud Galeriebesucher ein, auf sie zu schießen, wusch für die Biennale wochenlang Rinderknochen und lief 2500 Kilometer über die chinesische Mauer. In ihrer Autobiographie ergreift die Performance-Künstlerin jetzt das Wort

Der Autor:

Der Phaidon Verlag hat sich allerhand Mühe gegeben namhafte Experten als Autoren zu gewinnen, wie beispielsweise Jennifer Blessing, die Hauptkuratorin am Guggenheim Museum in New York, die Kunsthistorikerin Jacky Klein oder die Kunstjournalistin Elizabeth Fullerton.

Haut und Knochen

Cover von "Kunst und Körper", Phaidon Verlag

Das Zitat:

"Die Spuren seines Körpers, die der Künstler in sein Werk einarbeitet, sind eine andere Art, etwas glaubhaft zu machen, eine körperliche Signatur und ein Dokument der Vergänglichkeit des Lebens. […] Ohne Spiegelbilder ist es schwierig, die Komplexität unserer Körperlichkeit und die enge Verbundenheit unseres Bewusstseins mit Körper und Seele zu verstehen."

Wer braucht das?

Mindestens alle Kunststudenten (Tipp: Bei der Steuererklärung die 59,95€ als Aufwendung für das Studium absetzen!), Aktfanatiker und Performancefans.

Das gefällt:

Die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Ereignisse, die im historischen Zeitstrahl markiert werden, beziehen sich größtenteils gar nicht unmittelbar auf die Kunstwerke oder -strömungen, die dort als Beispiele angeheftet wurden. Genau das macht den Zeitstrahl so spannend, denn hier werden komplexe Bezüge hergestellt, die zum Denken anregen und zum Interpretieren auffordern.

Das ätzt die Kritikerin:

Die Einleitung erklärt, dass der Fokus des Buches zwar nicht ausschließlich, aber doch größtenteils auf dem westlichen Kunstkanon liegt. Das fällt leider sehr stark auf und ein wenig mehr Motivation zur Abbildung kultureller Vielfalt wäre wünschenswert gewesen.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Die Behauptung, es handele sich um ein einmaliges und das bisher umfassendste Buch zum Thema Körper in der Kunst, bewahrheitet sich durchaus. Hunderte Illustrationen, anspruchsvolle Texte und spannende Zusammenhänge rufen zum stundenlangen Stöbern und Lernen auf einer Chaiselongue auf. Da bereitet man sich am besten gleich eine Kanne Tee zu! 5 Punkte.

Gewicht:

Satte 3127 kg

Kunst und Körper

Phaidon Verlag, 440 Seiten, 400 Abbildungen, Gebunden. 59€

Bücher
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