Bookmarks: Berlin Heartbeats

Das Herz ist ein Berliner Jäger

Eigentlich lebt Berlin immer noch ganz gut von seinem Spielplatz-Mythos. Grund zur Wehmut gibt es aber trotzdem. Das meinen zumindest die Macher des Bandes »Berlin Heartbeats«, die den wilden 1990ern in Texten und Bildern nachtrauern, darunter auch einige Kunstbetrieb-Matadore, vom Berlin-Biennale-Mitbegründer Klaus Biesenbach bis zum FAZ-Kunstkritiker Niklas Maak.
Das Herz ist ein Berliner Jäger

Philipp von Recklinghausen: "Christopher Street Day", 1992, aus "Berlin Heartbeats – Stories from the wild years, 1990 - present“, Suhrkamp Verlag

Was ist drin? 

Erinnerungen, Erinnerungen und noch mehr Erinnerungen. Der Tumult der eigenen Jugend ist zwar vorbei, aber das Veteranen-Dasein hat auch etwas zu bieten. Am wärmenden Feuer der selbst gestrickten Legende versammeln sich "Tresor"-Betreiber Dimitri Hegemann, "Berghain"-Türsteher Sven Marquard, Pop-Literatin Judith Hermann, Sängerin Christiane Rösinger, Volksbühne-Aushängeschild Frank Castorf oder Tanz-Choreografin Sasha Waltz.

Foto-Chronisten wie Ben de Biel oder Rolf Zöllner konnten ihrem Lebensumfeld offenbar keine euphorisierende Farbe abtrotzen. Ihre rauen, mitunter fast deprimierenden Momentaufnahmen feiern die einstige Avantgarde trotzig in durchgehendem Schwarzweiß. Dafür schwärmt FAZ-Kunstkritiker Niklas Maak von der "erhöhten Grundtemperatur, die die Stadt und ihre Bewohner heute noch haben" und Klaus Biesenbach setzt dem "Kunstkatalysator Mitte" ein schillerndes Denkmal, indem er die internationale Kunst-Werke-Gästeliste von damals stolz präsentiert: Susan Sontag, Hedi Slimane, Yoko Ono, Marina Abramovic, Miuccia Prada, Dan Graham, Matthew Barney, Björk – noch Fragen?

Die These?

Als sich Berlin von dem Status einer Insel verabschieden musste, ging die Party erst richtig los. Nicht nur der Häuserkampf und reichlich Polizeieinsätze blieben der Stadt erhalten. In der Nachwendezeit gab es auch noch die besagten wilden Techno-Nächte im pittoresk runtergekommenen Osten. Dann kam die Love Parade und der Christopher Street Day. Künstler aus aller Herren Länder konnten es nicht glauben: Ist ja alles so billig hier! Bei den Mantra-Wörtchen "Freiheit", "Leere“ und "Raum“ verdreht man zwar irgendwann die Augen, aber vielleicht liegt das auch daran, dass der Club der hier kuschelnden Zeitzeugen am Ende vergisst, die Ausfahrt in die Gegenwart zu nehmen. Von ihr fehlt jedenfalls trotz der Ankündigung im Titel "Stories from the wild years – 1990 to the present" bis auf wenige taufrische Konzertbilder jede Spur.

Schönste Seite?

Ein Junge steigt 1990 am Potsdamer Platz durch eine winzige Eisentür in der Mauer in den einstigen Todesstreifen. Die Wiedervereinigung klopft schon an, die geteilte Stadt hängt trotzdem noch in einem Zeitvakuum. Alles scheint möglich. Der Rest ist Geschichte.

Urlaub auf Berlinerisch
Scala oder Berghain? Der Fotoband »Alles außer Arbeit« zeigt, dass Berlin immer schon die Freizeit-Hauptstadt Deutschlands war. Fotografien aus den zwanziger Jahren dokumentieren die Geburt der modernen Freizeitkultur.

Die Herausgeberin:

Natürlich wissen die beiden ortskundigen Herausgeber was sie tun: Anke Fesel kam 1990 nach Berlin und war Veranstalterin im Tacheles. Inzwischen gehört sie als Grafikerin zu den Kreativen, die den Markenkern der Stadt stärken. Chris Keller musiziert und fotografiert ebenfalls seit 1990 in Berlin. Heute produziert er Musik im Auftrag von Resident Kafka und veranstaltet Konzertreihen im Club der polnischen Versager.

Das Zitat:

Judith Hermann: "Das Offene, Provisorische, Illegale, Freie – das löste sich irgendwann auf. Wie mussten zur Vernunft kommen, letztendlich war es die Struktur der Stadt, die das eingefordert hat. Wir brauchten Mietverträge, wir brauchten überhaupt Verträge, Kautionen und Versicherungen, wir mussten uns einlassen auf das Procedere – im Grunde mussten wir uns einlassen aufs Erwachsensein."

Wer braucht das?

Saturierte Nostalgiker und jüngere Mitglieder des Kultur-Prekariats, die sich nach einer neuen Stunde Null sehnen. Hier bekommen sie die Blaupause für die nächste Stufe des produktiven Ungehorsams. Nur wo findet man heute noch einen überwiegend unbespielten Zufluchtsraum mit einer Überdosis Möglichkeitsraum?

Das Herz ist ein Berliner Jäger

Das gefällt:

Junge unangepasste Bürgerkinder aus der westdeutschen Provinz brechen auf ins gelobte Land des Prenzlauer Bergs, um den unerwarteten Systemkollaps für einen selbst gestalteten Aufbruch zu nutzen. Wie in allen Märchen und Utopien lassen böse Spielverderber nicht lange auf sich warten: Diesmal kamen sie in der Gestalt von Spätzuzüglern, nach sinnloser Bespaßung jagenden Rollkoffertouristen, Immobilien-Haien und Modehipstern. Was bleibt der in die Jahre gekommenen Bohème nach dieser unfreundlichen Übernahme schon übrig, als beim Suhrkamp Verlag ihren Alleinanspruch anzumelden?

Das ätzt die Kritikerin:

Die ausgiebige Dokumentation der Straßenschlachten gegen die Staatsmacht als Berliner Folklore-Beilage hätte ruhig kürzer treten können. Eine Spezialität der 1990er ist dieses untote Protestüberbleibsel aus den 1970ern nun wirklich nicht. Nun ja, auch Rebellen haben ein Herz für Tradition und liebgewordene Rituale. 

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Ein bisschen Glamour muss sein, wenn auch nur auf dem Cover. Sängerin Peaches sitzt im Glitzerkleid vor einem Garderobespiegel und lässt keinen Zweifel daran, dass auch für sie Berlin der place to be ist. Dennoch bleibt der Band ein seltsamer, graphisch in ein scheußliches Neungrün getauchter Zwitter, der den heutigen gut sortierten Hauptstadt-Hedonismus mit der bedürfnislosen Anarchie der frühen Neunziger legitimiert: 3.

Gewicht:

1305 Gramm.

Berlin Heartsbeats

Anke Fesel, Chris Keller (Hrsg): Berlin Heartsbeats – Stories from the wild years, 1990 - present“. Hardcover, 256 Seiten, erschienen beim Suhrkamp Verlag, Berlin, Preis: 29,90 Euro

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.