Bookmarks: Extra! Weegee

Metropole im Ausnahmezustand

In den dreißiger, vierziger Jahren war Weegee der König von New Yorks Straßen. Als Fotoreporter mit der Lizenz zum Abhören des Polizeifunks gelang dem in der Ukraine geborenen Immigranten Arthur Felling mit dem berühmten Pseudonym eine bemerkenswert rauhe Stadt-Chronik, die typische Gegensätze zeigt und auch nicht vor den Abgründen aus Gewalt, Gier und Armut die Augen verschloss. Ein neuer Bildband bedient sich jetzt aus dem erst 2012 wiederentdeckten Agenturarchiv N.E.A. und versammelt 359 teils noch nie veröffentlichte Impressionen.
Metropole im Ausnahmezustand

Weegee: "Nobody Works on Labor Day!", 1939

Was ist drin?    

In der Zeit des Weltkriegs, der Depression und der allerorten triumphierenden Mafia hantierte Weegee mit seiner Blitzlichtkamera wie mit einem Vergrößerungsglas. Traf er auf hingerichtete Gangster, die mit dem Gesicht nach unten auf dem Bürgersteig lagen, fügte er seiner Komposition auch noch die riesige Blutlache hinzu, um die Dramatik der Situation zu verstärken.

Das galt auch für die trauernden Angehörigen oder sensationslüsternen Passanten, deren Reaktionen er mit derselben schonungslosen Aufmerksamkeit einfing. Ohne nächtliche Großbrände und tödliche Verkehrsunfälle kommt auch diese Publikation nicht aus. Hollywood-Stars auf Promotion-Tour glänzen dafür diesmal durch Abwesenheit. Einblicke in Varietés und Jazz-Clubs geben sich ebenfalls rar. Großen Raum nehmen die weniger bekannten Momentaufnahmen glücklicher Menschen, allen voran der Kinder, die sich trotz der nicht abreißenden Krisen ihre Lebenslust nicht nehmen lassen.

Die These?

Die Lesart um das radikale Werk des hardboiled Fotografen muss nach diesem Fund zwar nicht auf den Kopf gestellt werden. Die lange verschollenen Vintage Prints erweitern aber das lange einseitig rezipierte Image um eine hellere Variante. Auch für diese emotionalen Erschütterungen der heiteren Art demonstriert Weegee ein beachtliches Gespür, wenn er Tierretter in Aktion zeigt und dabei nicht versäumt, den einen oder anderen Köter in einer allzu menschelnden Pose einzufangen. Wenn er sich unter erstaunlich gut gelaunte Streikende mischt, findet er sogleich ein Gegenüber, das ihn selbst mit einem Protest-Schild in der Hand als Spontanstreikenden ablichtet. Nach den Siegen der US-Armee in Europa fallen dann endgültig alle Hemmungen. Sie versetzen die Bevölkerung von Little Italy, Brooklyn oder China Town in einen tanzbeinschwingenden Freudentaumel auf Balkonen und parkenden Autos. Junge Frauen bewerfen Polizisten mit Konfetti, Schwarze feiern zusammen mit Hispanics. Die Verbrüderung ist gewaltig und selbst der abgeklärte Ironiker Weegee lässt sich von der massenhaften Euphorie anstecken.

Schönste Seite?

Für kitschige Romantik ist es nie zu spät: Man nehme einen blühenden Kirschbaum, einen See mit einem klassizistischen Tempel im Hintergrund und einen heimgekehrten Matrosen, der mit seiner Freundin eng umschlungen durch einen Park spazieren geht. Fertig ist die mehr als untypische Weegee-Postkarte.

Metropole im Ausnahmezustand

Cover von "Extra! Weegee", Hirmer Verlag, München

Der Autor:

Der 1962 geborene Daniel Blau, Münchner Galerist und Sohn von Georg Baselitz, hat schon Bücher über Andy Warhol und Lucian Freud herausgegeben. Ein Schwerpunkt seines Galerie-Programms ist die Photographie des 19. und des 20. Jahrhunderts. Zuletzt widmete er sich mit dem Band "Verführt" der ideologisch geprägten Pubertät von deutschen Jugendlichen zwischen 1933 bis 1945.

Das Zitat:

In seiner Autobiographie fasste Weegee rückblickend die Vorzüge seiner Profession in einer kulinarischen Metapher zusammen: "Verbrechen war meine Auster und ich mochte es ... mein Postgraduiertenkurs in Leben und Fotografie."

Wer braucht das?

Liebhaber des "Film noir", die sich an dem veristischen Universum des späteren Hollywood-Mitarbeiters nicht satt sehen können, und Stadtsoziologen mit einer Vorliebe für Schockfotos. Ein ganzes Kapitel widmet sich der illustren Klientel eines Polizeireviers, vor kaltschnäuzigen Männern mit Hüten gibt es bis auf Humphrey Bogart kein Entkommen. Ein anderes nimmt auffällige Erscheinungen ins Visier. In der speziellen Galerie finden sich entflohene weibliche Sträflinge, männliche Crossdresser oder der bekennende Nazi Fritz Kuhn, der dem "Amerikadeutschen Bund" vorstand.

Das gefällt:

Die graphische Auflösung setzt schon auf dem Cover ein Ausrufezeichen: Die Collage aus New Yorker Wolkenkratzer-Schluchten und Weegee-Porträt mit der obligatorischen Zigarre im Mundwinkel wird marktschreierisch dominiert von dem blutroten Schriftzug des Buchtitels. Die optische Lautstärke passt und setzt sich auf den folgenden Seiten stimmig fort: diesem Retro-Boulevard-Überfall kann sich niemand entziehen.

Das ätzt die Kritikerin:

Die auf Schreibmaschine getippten Bildbeschreibungen aus Weegees Hand lassen sich nur selten vollständig entziffern. Die Zeit hat leider allzu gefräßig an der blauen Tinte genagt. Wie gut, dass sich die expressive Dynamik der meisten Aufnahmen auch von selbst erschließt.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Eine Überdosis Menschenmassen zwischen zwei vorbildlich gehärteten mittelgroßen Buchdeckeln lässt sich nicht übersehen: 4

Gewicht:

Der bisher laut Verlag "umfassendste Bildband zu Weegee" ist natürlich kein Leichtgewicht: knappe 2 Kilogramm.

Daniel Blau: Extra! Weegee

336 Seiten, erschienen beim Hirmer Verlag, München, Preis: 49,90 Euro

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.